Lesen, was das Schloss erzählt

Ulf Weissenberger aus St. Margrethen sammelt und restauriert seit drei Jahrzehnten alles rund um die Schliesstechnik. Sein Buch «Eiserne Schönheiten: Schloss und Schlüssel» dokumentiert die Entwicklung der Schliessvorrichtungen.

Bea Sutter
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Türschloss aus der Renaissance um 1500. Es hat zwei schliessende Fallen, dazu den Hohlschlüssel.

Türschloss aus der Renaissance um 1500. Es hat zwei schliessende Fallen, dazu den Hohlschlüssel.

ST. MARGRETHEN. Alte Schlösser und deren Geschichte und Funktion faszinieren Ulf Weissenberger aus St. Margrethen schon seit über drei Jahrzehnten. Er ist heute im Besitz einer beeindruckenden Sammlung. Auf den ersten Blick ist ersichtlich, dass hier die ganze Geschichte der Schliessvorrichtungen dokumentiert ist.

Man steht mitten im Raum und staunt über die Vielfalt und Vielzahl von Schlössern, Schlüsseln, Kassetten und Truhen mit jahrhundertealten ausgeklügelten Verriegelungstechniken. Rund 700 Exemplare sollen es schätzungsweise sein.

Visitenkarte des Besitzers

Wenn dem Besucher ein Schloss ins Auge sticht und dieser fragt, wie alt dieses Schloss denn sei, dann leuchtet Ulf Weissenbergers Gesicht. Sofort beeindruckt er mit seinem Wissen über jedes jeweilige Sammlerstück. Versiert und fesselnd erläutert er die Technik eines Schlosses aus dem 15. Jahrhundert. Er deutet auf die reiche Verzierung hin und erklärt: «Schlösser sagen viel über ihre früheren Besitzer aus. Man könnte sie als Visitenkarte bezeichnen.» Die oft grossartigen Verzierungen deuten auf den Stand des Besitzers hin. An Bürgerhäusern aus der Renaissance waren in der Regel die Schlosskasten-Abdeckungen mit Gravuren reich verziert. Es wurden Blumen, Rankenwerk, Arabesken, Grotesken, Jahrzahlen, Wappen und Initialen bis ins kleinste Detail dargestellt. «Reiche Leute leisteten sich teure aufwendige Schlösser für Türen, Schränke, Truhen und Kassetten.» Arme Leute hätten einfache Schlösser gehabt, meist aus Holz.

Hochentwickelte Mechanik

Der leidenschaftliche Sammler erzählt weiter: «Erstaunlich hoch entwickelt waren in der Renaissance und in der Barockzeit auch die Schliesstechniken.» Erneut holt er eines der vielen Prachtsexemplare aus einem Regal hervor und erklärte das Prinzip von «Chef und Stellvertreter». Bereits im 16. Jahrhundert kannte man die Vorrichtung, dass nicht alle Schlüsselinhaber alle Schlösser öffnen und schliessen konnten. In Ulf Weissenbergers Sammlung befinden sich jedoch viel ältere Exemplare. Das älteste ist knapp 2500 Jahre alt. Die Geschichte der Schlüssel und Schlösser geht bis auf das Ende der Jungsteinzeit (etwa 2500 vor Christus) zurück.

Seine Leidenschaft für das Sammeln von Schlössern und Schlüsseln entdeckte Ulf Weissenberger vor rund 30 Jahren. Als gelernter Zimmermann restaurierte und verkaufte er alte Schränke und Truhen. Oftmals kamen diese mit kaputten oder fehlenden Schlössern in seine Werkstatt. Neue Schlösser einzubauen, wäre für den Restaurator und Händler von Antiquitäten ein Stilbruch gewesen. Also nutzte er alle sich bietenden Möglichkeiten, alte Schlösser einzukaufen.

Im Dialog mit dem Schloss

Schnell entdeckte Ulf Weissenberger, dass eigentlich kein Schloss wie das andere ist. «Wenn ich mich für eines nicht entscheiden konnte, kaufte ich eben weitere dazu. Die meisten dieser Exemplare waren verrostet und <verwürgt>.» Aber er habe gleich erkannt, dass hinter so einem «Rosthaufen» etwas ganz Besonderes stecken würde.

Dem passionierten Sammler kommen hier sein technisches Verständnis und seine handwerkliche Begabung zugute. «Ich führe einen Dialog mit dem Schloss. Es erzählt mir seine Geschichte. Ich setze mich intensiv mit seiner Geschichte und seiner Technik auseinander.» Er sei ein Tüftler, sagt Ulf Weissenberger lachend. Ihm lasse es keine Ruhe, bis er den Schliessmechanismus mit den vielen Klappen und Fallen wieder zum Funktionieren gebracht habe. «Das ist für mich ein echter Glücksmoment.» Seine Frau Silvia freut sich dann mit ihm.

Seit seiner Pensionierung vor ein paar Jahren hat sich seine Sammlerleidenschaft noch vertieft. «Seither hatte ich ja genügend Zeit, mich meinem Hobby zu widmen.» So entstand auch die Idee, alles Wissenswerte rund um Schloss und Schlüssel in einem Sachbuch festzuhalten.

Eisentruhe aus der frühen Renaissance mit zwölfschlossigem Deckelschloss.

Eisentruhe aus der frühen Renaissance mit zwölfschlossigem Deckelschloss.

Ulf Weissenberger in seinem Reich: Er hat unzählige Schlösser und Schlüssel gesammelt und restauriert. Nun hat er alles Wissenswerte über seine Schätze in einem Buch festgehalten. (Bilder: Bea Sutter)

Ulf Weissenberger in seinem Reich: Er hat unzählige Schlösser und Schlüssel gesammelt und restauriert. Nun hat er alles Wissenswerte über seine Schätze in einem Buch festgehalten. (Bilder: Bea Sutter)