Lernende am Drücker

GOSSAU. Der Bahnhof Gossau war vor fünf Jahren der erste in der Ostschweiz, der von Lernenden geleitet wurde. Sie sind am Schalter, im Reisebüro oder im Marketing tätig. Die Bilanz: Das Ausbildungsmodell Junior-Station ist ein Erfolg.

Rafael Rohner
Drucken
Teilen
Als Lernender der eigene Chef: Pascal Rüsch, Jennifer Niedermann und Corina Forrer (von links) im Backoffice des Bahnhofs Gossau. (Bild: Reto Martin)

Als Lernender der eigene Chef: Pascal Rüsch, Jennifer Niedermann und Corina Forrer (von links) im Backoffice des Bahnhofs Gossau. (Bild: Reto Martin)

Aufmerksamen Bahnpassagieren wird es aufgefallen sein: Der Bahnhof Gossau ist seit fünf Jahren in den Händen von Lernenden. Neun sind es, die täglich hinter den Schaltern arbeiten und dabei die Ausbildung als Kauffrau/Kaufmann öffentlicher Verkehr absolvieren. Betreut werden sie von sieben Coaches mit insgesamt 4,5 Stellenprozenten. «Klar», sagt die Geschäftsführerin des Bahnhofs Barbara Hächler, «werden die Lernenden hier ins kalte Wasser geworfen. Aber so können sie viel lernen.»

«Mehrheitlich akzeptiert»

Hinter den Bahnschaltern bekommt man nicht den Eindruck, dass die Lernenden schwimmen und mit der Verantwortung nicht zurecht kommen. Zwei bedienen Kunden am Schalter, ein weiterer das Telefon, ein vierter beschäftigt sich mit der Buchhaltung. Den Alltagsbetrieb erledigten sie weitgehend selbständig, sagt Barbara Hächler.

«Die Coaches bleiben wenn möglich im Hintergrund, sind aber beispielsweise bei Abwesenheiten der Lernenden auch selber am Schalter tätig.» Die Qualität der Dienstleistungen sollte die gleiche sein wie in anderen Bahnhöfen auch, sagt Barbara Hächler. Mehrheitlich hätten die Bahnkunden Verständnis, wenn Unsicherheiten auftauchen, sagt die Zweit-Jahr-Lernende Jennifer Niedermann. Vereinzelt sei es aber schon vorgekommen, dass Kunden ungeduldig geworden seien.

Nicht bei den SBB angestellt

Das Arbeiten in der «Junior-Station» sei beliebt, sagt Jennifer Niedermann. Sie ist wie die anderen Lernenden auch, nicht von den SBB angestellt, sondern von Login, einem Ausbildungsverbund für den öffentlichen Verkehr. Der Verbund übernimmt die Administration und das Anstellungsverfahren der Lernenden und vermittelt diese an verschiedene Unternehmen im Bereich öffentlicher Verkehr. In den ersten beiden Lehrjahren wechseln die Lernenden jedes halbe Jahr den Betrieb.

Im dritten Lehrjahr, dem Schwerpunktjahr, bleiben sie dann an einem Ort. Für dieses Jahr müssen sie sich bewerben. «Eine gute Übung, um den Übertritt ins Erwerbsleben zu proben», sagt Barbara Hächler.

Für die Junior-Station hätten sie viele Bewerbungen. Die meisten, die einmal in der JS gearbeitet hätten, wollen auch das dritte Lehrjahr dort verbringen, sagt Jennifer Niedermann. Als Gründe nennt sie die gute Stimmung im Team, die Verantwortung und vielfältigen Aufgaben.

Lernende als Team-Manager

«Wer welche Aufgaben übernimmt, bestimmen die Lernenden selber», sagt Jennifer Niedermann. Für die Koordination des Tagesgeschäfts sei der Tageschef verantwortlich, der täglich wechsle. Die Lernenden planen die Ferienabwesenheiten selber, organisieren Teamsitzungen und jedes halbe Jahr einen Betriebsausflug. «Um den <Team-Spirit> zu fördern», sagt Pascal Rüsch, der zurzeit Management-Aufgaben erledigt und im zweiten Lehrjahr ist. Während der ersten beiden Lehrjahre könnten sie angeben, wo sie gerne arbeiten würden, sagt Rüsch.

Meistens würden die Wünsche berücksichtigt.

Können sich die Lernenden bei so vielen Arbeitsplatzwechseln noch mit dem Betrieb identifizieren? «Ja», sagt Pascal Rüsch. Wenn er gefragt werde, wo er arbeite, antworte er: Bei den SBB oder den Stadtbussen Winterthur. Je nachdem, wo er gerade angestellt sei. Das Ausbildungsmodell habe den Vorteil, dass er in verschiedene Betriebe Einblick erhalte.

Sparen dank Junior-Station?

Die Betreuung der Lernenden sei arbeitsintensiv, sagt Barbara Hächler. Auf einen Lernenden kämen 50 Stellenprozente eines Coaches. Der Personalaufwand sei also nicht geringer als in anderen Bahnhöfen. Im Gegenteil.