Lernen statt büffeln

Simulation Im Trading Room der Hochschule St. Gallen üben die Studenten seit zwei Semestern verantwortungsbewusstes Investment, Aktienanalyse und Risikomanagement.

Roman Hertler
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Weshalb steigen und fallen Aktienkurse? In welche Assets kann und soll investiert werden? Wie werden Risiken im Investment erkannt, quantifiziert und bewirtschaftet? Mit solchen Fragen sollen sich die künftigen Börsenhändler vertiefter auseinandersetzen. Seit zwei Semestern unterhält die HSG deshalb einen Trading Room, kreisförmig aufgebaut wie eine Mini-Börse mit Doppelbildschirmen und einer digitalen Anzeige, in die laufend Informationen eingespeist werden. Hier lernen Studenten in Simulationen mittels historischer Daten auf Änderungen in Aktienkursen zu reagieren.

«Hier sollen die Studenten fliegen lernen», erklärt HSG-Rektor Thomas Bieger den Zweck der künstlichen Börse. «Trader müssen richtige – das heisst: verantwortungs- und risikobewusste – Handelsentscheide unter enormem Zeitdruck fällen. Das können die Studenten hier üben. Sie müssen nicht vom Lehrbuch direkt ins Flugzeug steigen wie früher.» Dem Einwand, Simulationen hätten uns nicht vor der Finanzkrise 2008 bewahrt, entgegnet einer der beiden Trading-Room-Supervisor, Karl Frauendorfer, Direktor des «Institute for Operations Research and Computational Finance»: «Wir massen uns natürlich nicht an, Krisen verhindern zu können. Wir können uns mit Simulationen jedoch für gewisse Marktdynamiken sensibilisieren und aus Fehlern der Vergangenheit lernen.»

Integre Persönlichkeiten ausbilden

Entscheidend für die Studenten ist nicht bloss auf Marktverzerrungen reagieren, sondern auch die zugrunde liegenden Daten hinterfragen zu können. «Dadurch, dass wir Zugriff auf die Datenbanken von Thomson Reuters und Bloomberg haben, können wir tatsächliche Börsenverläufe rekonstruieren, in verkürzter Form durchspielen und experimentell eingreifen», sagt der zweite Supervisor, Robert Gutsche, Assistenzprofessor für Finanz- und Rechnungswesen. «Hier können wir nachbilden, was beispielsweise passiert, wenn alle blind in dieselbe Richtung investieren und sich eine Blase bildet.» Im Dialog mit den Dozierenden lernen die Studierenden, wie sie mit den Daten und Informationen, die sie haben, umgehen müssen. Welcher Anteil eines Aktienkurses ist echt, welcher Anteil ist Spekulation? Sind die Einschätzungen und Prognosen der Analysten realistisch?

«Im Trading Room können wir den Studenten Erfahrung vermitteln», sagt Karl Frauendorfer. «Wenn ein Student sich ungeschickt verhält, wird er nicht mehr aus dem simulierten Schlamassel kommen. So können wir dann im Detail besprechen, was schiefgelaufen ist. Der Lerneffekt ist hier sicherlich grösser als beim reinen Lehrbuchbüffeln.»

Der Trading Room ist Teil des Projekts «Innovation Lehre» der HSG, bei dem es darum geht, die Unterrichtsformen dem digitalen Zeitalter anzupassen. Dabei gehe es aber nicht nur darum, einfach technologisch aufzurüsten. Nach wie vor sollen die Studenten in engem Kontakt mit den Dozierenden und praxisnah unterrichtet werden. «Zudem sind hohe Fachkompetenz und Anwendungsfähigkeiten nicht unsere einzigen Ziele», betont HSG-Prorektor Lukas Gschwend. «Wir wollen an der HSG innovative, integre und verantwortungsbewusste Persönlichkeiten ausbilden.» Das gelte auch für angehende Investmentbanker.