LEIDENSCHAFT: Keine Spur von müden Sohlen

Mit seinen 82 Jahren läuft Roland Thommen aus Rorschacherberg immer noch Bergmarathons. Der Seniorläufer erklärt, warum er nach einem 42-Kilometer-Lauf immer noch lächeln kann.

Ramona Riedener
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Roland Thommen in seinem Garten in Rorschacherberg: Von hier aus läuft er jeden Tag zum Fünfländerblick. (Bild: Ramona Riedener)

Roland Thommen in seinem Garten in Rorschacherberg: Von hier aus läuft er jeden Tag zum Fünfländerblick. (Bild: Ramona Riedener)

Ramona Riedener

redaktionot@tagblatt.ch

«Ich muss jeden Tag nachschauen, ob der Säntis noch da ist», sagt der 82-jährige Roland Thommen schmunzelnd. Bei Sonne, Wind und Wetter, mit ganz wenigen Ausnahmen, treibt es den passionierten Läufer jeden Tag zum Fünfländerblick, wo er mit einer herrlichen Aussicht auf die Länder Schweiz, Österreich, Bayern, Baden und Württemberg belohnt wird.

Der pensionierte Gewerbeschullehrer lebt mit seiner Frau Rosmarie in einem wunderschön gelegenen Haus hoch oben in Rorschacherberg mit idyllischem Garten und bezauberndem Ausblick auf den Bodensee. Wie das schöne Fleckchen Erde wo es lebt, strahlt auch das Ehepaar Harmonie und tiefe Verbundenheit aus. Verschiedene Fotos zeigen die glückliche Familie mit fünf Kindern, 15 Grosskindern und zwei Urgrosskindern.

Beim Laufen den Tag verarbeiten

Seine Freude am Laufen hat Roland Thommen schon früh entdeckt. Seinen Arbeitsweg legte er meistens zu Fuss zurück: Zuerst zum Lehrerseminar, wo er seine Ausbildung gemacht hat, dann zum Pestalozzischulhaus, wo er als Primarlehrer tätig war und schliesslich zur Rorschacher Gewerbeschule, wo er bis zu seiner Pensionierung gearbeitet hat. «Dabei kann man so schön den Tag verarbeiten, Probleme lösen, Ideen kreieren oder einfach nur abschalten», sagt Thommen über sein bewährtes Rezept.

Richtig gepackt aber hat ihn das Laufen als etwa 40-jährigen Fussballer, der bei Matchs immer mehr ausgewechselt wurde. «Wir hatten ein Auswärtsspiel in Kreuzlingen. Nach meinem Einsatz bin ich dann nach Hause gerannt», erinnert sich Thommen. Im Jahr 1977, an einer Abschlussreise mit Mechaniker-Lehrlingen, kam der Gewerbeschullehrer dann zum ersten Mal an den Start eines Marathons. «Wir waren in Athen. Da war ein Marathon ausgeschrieben. Spontan habe ich mit einigen Schülern am 42 Kilometer langen Lauf teilgenommen. Am nächsten Tag konnten einige Lehrlinge gar nicht arbeiten gehen, weil sie immer noch total erschöpft vom Lauf waren. Ich habe mir von den Lehrmeistern einen schönen Rüffel eingeholt», sagt Thommen.

Seit Athen hat Roland Thommen an 133 Marathons teilgenommen. Und noch immer stehen jährlich sieben bis acht Bergläufe auf seinem Programm.

«Nicht weil es fertig ist, sondern weil es so schön war», so die Antwort auf die Frage, warum er nach einem Marathon Plus von fast 46 Kilometern noch immer strahlend lächeln kann. Auf sportliche Leistung im herkömmlichen Sinn hat Thommen nie Wert gelegt: «Ich habe mein Training nie forciert. Ich war nie auf Schnelligkeit und Leistung aus. Deshalb orientiere ich mich auch nicht an den Spitzenläufern oder an einer Uhr.» Auf seiner täglichen, rund 75-minütigen Laufrunde, trainiert er seine Fertigkeit und das Gleichgewicht in unwegsamen Abhängen. Während er aufwärts noch die Landschaft geniessen und ein Lied singen kann, müsse er sich auf dem Abwärtsgang schon konzentrieren und schauen, wo er hin tritt.

Fünf-Gänge-Menu mit einem Glas Wein muss sein

In wenigen Tagen geht Roland Thommen nach Bergün und Davos zum nächsten Marathon. Diesmal wird es für das Paar ein Tagesausflug mit dem Auto. Normalerweise reisen Roland und Rosmarie Thommen mit dem Zug einen Tag vor dem Lauf an und erst einen Tag danach wieder ab. Am Abend davor geniessen sie dann im Hotel gemeinsam ein gediegenes Fünf-Gänge-Menu und dazu ein Glas Wein. So was können sich Spitzenläufer nicht leisten – Roland Thommen schon. «Nur ein Glas, nicht einen halben Liter», sagt der Marathonläufer und schmunzelt. Während ihr Mann rund sechseinhalb Stunden unterwegs ist, drückt ihm Rosmarie Thommen die Daumen, unterstützt ihn oder schenkt ihm ein liebevolles Lächeln am Wegrand der Laufstrecke. Nicht stolz für die Leistung, sondern dankbar dafür, dass es noch möglich sei, ist Roland Thommen. «Es ist ein Geschenk. Ich werde sorgfältig damit umgehen. Keiner weiss, wann es das letzte Mal ist», sagt Thommen bescheiden.