Leiden aus Leidenschaft

Sie ist eine der ersten Bergführerinnen der Schweiz, hat den Mount Everest bestiegen und beide Pole erreicht. Heute erzählt Evelyne Binsack in St. Gallen, wie sie trotz Rückschlägen ihre Ziele erreichen konnte.

Christoph Renn
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Kein Abenteuer ist ihr zu waghalsig: Extremsportlerin Evelyne Binsack. (Bild: Urs Bucher (13. Juni 2013))

Kein Abenteuer ist ihr zu waghalsig: Extremsportlerin Evelyne Binsack. (Bild: Urs Bucher (13. Juni 2013))

Christoph Renn

christoph.renn

@tagblatt.ch

Beim Dreh eines Dokumentarfilmes am Mount Everest blickte Evelyne Binsack dem Tod ins Auge. «Eine Eislawine löste sich und wir überlebten nur mit Glück», sagt die 51-jährige Ex-tremsportlerin. Das Risiko gehört zum Beruf der Abenteurerin. «Ich mache mir auf meinen Expeditionen nie zu viele Gedanken darüber, was alles passieren könnte.» Jedoch habe auch sie sich inzwischen etwas gemässigt. «Es geht nicht mehr darum, höher, schneller und besser zu klettern.» Denn in ihrem Alter bewege man sich auf 8000 Meter Höhe schon nicht mehr so geschmeidig wie mit 30 Jahren. «Heute geht es mir eher um den kreativen Aspekt.»

Die erste Bergführerin der Schweiz

Bereits als Kind zeichnete sich der Weg für Binsack ab. «Andere spüren, dass sie gerne Geige spielen oder eine Sportart betreiben wollen.» Sie habe hingegen schon früh die Lust verspürt, in der Natur zu sein. So sei sie oft mit der Familie wandern gegangen oder skifahren. Im Alter von 16 Jahren hatte sie den Wunsch, Bergführerin zu werden. «Damals gab es noch keine Frauen in diesem Beruf», sagt Binsack. Doch hätten sich Türen geöffnet und Möglichkeiten ergeben. Diese Chancen habe sie jeweils gepackt. So wurde Evelyne Binsack eine der ersten Bergführerinnen der Schweiz. «Noch eine Generation vor mir wäre das undenkbar gewesen.» Steine wurden ihr wegen ihres Geschlechts keine in den Weg gelegt, allerdings habe sie sich oft beweisen müssen. «Das hat mich aber nicht gebremst, im Gegenteil: Es hat mich stets angespornt.»

In 484 Tagen zum Südpol

Bald machte sich Binsack selbstständig. Und sie bereiste die Welt. So hat sie unter anderem bei minus 17 Grad Celsius die Eiger-Nordwand durchstiegen und dabei das 300 Meter lange und steile Eisschild «Die weisse Spinne» bezwungen. Zudem gelang ihr die Solo-Durchsteigung der berüchtigten Wand. Und Binsack absolvierte elf Erstbesteigungen von 5000- und 6000ern im Karakorum. Damit aber nicht genug: Als erste Schweizer Alpinistin hat Evelyne Binsack 2001 den Gipfel des Mount Everest erreicht.

Doch die Abenteurerin hat in ihrem Leben nicht nur die höchsten Gipfel der Welt erklommen. Sie hat auch die unwirklichsten Orte aus eigener Muskelkraft bereist. «Fast vier Jahre lang trug ich den Gedanken mit mir herum, einmal den Südpol zu erreichen.» Dann trat sie ihre 484-tägige Reise an. Start war vor ihrer Haustüre im Berner Oberland. Mit dem Velo fuhr sie gegen Süden, über den Äquator hinaus, immer weiter, bis es auf zwei Rädern in Chile nicht mehr weiter ging. Dann stieg sie auf Ski um und zog einen Schlitten hinterher, bis es nicht mehr weiter südlich ging.

Erfahrungen in einem Buch gesammelt

Auf einer anderen Expedition ging es genau in die entgegengesetzte Richtung. Wieder startete sie zu Hause und schaffte es aus eigener Muskelkraft bis an den Nordpol. Mit dem Erreichen des Süd- und Nordpols und der Besteigung des Mount Everest ist Evelyne Binsack etwas gelungen, das bisher nur eine Handvoll Menschen geschafft hat. Noch heute sind extreme Reisen ihr Lebensinhalt. So organisiert sie Klettertouren und Expeditionen. Und sie gibt ihre Erfahrungen an Vorträgen weiter und hat ihr Leben in einem Buch festgehalten.

Einen Einblick in ihre Erlebnisse und in ihr Buch «Grenzgängerin. Ein Leben für drei Pole» gibt Evelyne Binsack heute Dienstag, 20 Uhr, im Rösslitor. Sie stellt mit ihrer Co-Autorin Doris Büchel ihre Expedition zum Nordpol mit einer Bilderserie vor. Die Abenteurerin erreichte den Nordpol nach elf Monaten Planung und 105 Tagen Expedition im April 2017, kurz vor ihrem 50. Geburtstag. Im Buch beschreibt Binsack, warum sie trotz der vielen Rückschläge erfolgreich ist. Sie selber sagt dazu: «Ich vertraue auf meine emotionale Stärke und meine fokussierte Willenskraft.»

www.binsack.ch