Lehrer spioniert Schüler aus

Der Fall wirft Wellen: Junge sind mehrheitlich empört, Erwachsene unterschiedlicher Meinung – weil er Schülern die Gefahren im Internet vor Augen führen wollte, gab sich ein Eschenbacher Jugendarbeiter im Facebook als Mädchen aus.

Jennifer Bucher
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Unter falschem Namen auf Facebook: Ein Jugendarbeiter gab sich als 16jähriges Mädchen aus. (Bild: ky/Alessandro Della Bella)

Unter falschem Namen auf Facebook: Ein Jugendarbeiter gab sich als 16jähriges Mädchen aus. (Bild: ky/Alessandro Della Bella)

«Wenn ich ein Kind hätte, würde ich ausflippen. Dieser Typ fördert zukünftige soziale Probleme», schreibt eine junge Frau auf Facebook. Was sich der selbständige Jugendarbeiter erlaubt habe, sei absolut daneben. Der Eschenbacher Ivo Kuster wollte die Schüler für die Gefahren im Internet sensibilisieren. Schüler übers Internet aufzuklären, das hat er zu seiner Aufgabe gemacht. Er tüftelte an einem Präventionsprojekt, das es in sich hat. Der 32-Jährige klärte die Schüler der Oberstufe Eschenbach und Amden nicht nur theoretisch über die Gefahren im Internet auf, sondern ging noch einen Schritt weiter.

Gezielt Fragen gestellt

Um an private Informationen der Schüler zu gelangen, erstellte er ein fiktives Profil – als 16jährige «Flurina» gab er vor, an die jeweilige Schule zu wechseln. Die Schüler freundeten sich schnell auf Facebook mit «Flurina» aus Graubünden an, waren hilfsbereit und hiessen sie willkommen. Gezielt fragte «Flurina» die Schüler aus. Bald wusste sie, wer im Facebook über Lehrer herzog, wer offenherzige Fotos von sich hochlud, wer Drogen konsumiert, den Schulunterricht schwänzt oder wie lange die Schüler online waren.

«Die ganze Situation habe ich inszeniert, damit die Kinder merken, wie viel sie einer fremden Person preisgeben», sagt Ivo Kuster. Dafür habe er eine effektive Methode gewählt. Bei seiner Präsentation später vor der Klasse konfrontierte der Jugendarbeiter die Schüler mit ihren Angaben. Der selbständige Jugendarbeiter ist schon seit Jahren in der Prävention tätig. Kuster war unter anderem für die Strassenopfer-Stiftung Road Cross unterwegs und als Animateur für Kinderschutz Schweiz. Zurzeit befindet er sich im Vollzeitstudium Fachrichtung Soziale Arbeit (Bachelor).

Reaktionen sind geteilt

Die Schulleitung Amden bestätigt, von der Vorgehensweise des Pädagogen gewusst zu haben. Die Eltern wurden erst nachträglich informiert, nicht alle waren begeistert. Das Feedback der Schüler in Amden und Eschenbach sei zu 90 Prozent positiv ausgefallen. «Für mich war es eine Lehre» oder «Ich fand es gut und glaube, das hat sehr vielen die Augen geöffnet» sind als Schüler-Rückmeldungen im Projekt-Auswertungsdossier zu lesen.

Mittlerweile steht der Ammler Schulrat dem Projekt kritisch gegenüber – auch wegen der Rückmeldungen am Elternabend. Denn: Nicht alle Eltern waren von der Flurina-Aktion begeistert. Kuster habe auch Eltern Facebook-Bilder gezeigt, sagt Schulratspräsident Fredy Wieland: «Das ist vielleicht nicht ganz in Ordnung gewesen.» Felix Hof, Leiter des regionalen Beratungszentrums in Rapperswil-Jona, findet, die Aktion sei «ein Verstoss gegen die Berufsethik eines Sozialarbeiters.» Anders Rolf Schir, Schulleiter der Oberstufe in Eschenbach, – er ist überzeugt, Kuster habe gute Arbeit geleistet. Schir selbst hat Kusters Unterricht im Klassenzimmer mitverfolgt. Als er die Schüler mit ihren Facebook-Kommentaren konfrontierte, musste der Schulleiter raus.

«Keine bösen Absichten»

«Ivo Kuster hatte bestimmt keine bösen Absichten», sagt Schir. Er habe den Schülern vermitteln wollen, dass man im Internet vorsichtig sein müsse. «Dieses Ziel wurde erreicht.» Schir denkt, dass es für die Schüler eindrücklicher gewesen sei, als wenn der Unterricht nur auf Theoretischem basiert hätte. Auch Alkoholtestkäufe seien umstritten. Ob Eschenbach allerdings nochmals so Präventionsarbeit machen wird, ist noch unklar.

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