Lehrer darf wieder ans Pult

Die Fachhochschule St. Gallen muss einen Professor, der wegen zwischenmenschlicher Zerrüttungen per Ende Februar 2010 entlassen worden war, wieder in den Schuldienst aufnehmen. Dies hat das Bundesgericht entschieden.

Urs-Peter Inderbitzin
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ST. GALLEN. Der heute 55jährige Lehrer war seit 1996 als hauptamtlicher Ausbildner mit einem 70-Prozent-Pensum an der Höheren Fachschule HFS tätig, welche am 1. Januar 2001 mit den Hochschulen für Wirtschaft und Technik St. Gallen zur Fachhochschule St. Gallen (FHS) fusionierte. Vom Rat der Hochschule wurde der Lehrer später als hauptamtlicher Dozent mit einem Arbeitspensum von 90 Prozent gewählt, wobei ihm der Titel «Professor» verliehen wurde.

Im März 2009 teilte ihm eine Fachbereichsleiterin mit, gegen ihn seien Vorwürfe der Rufschädigung und des illoyalen Verhaltens erhoben worden. Nachdem eine Aussprache nicht zustande gekommen war, wandte sich der Professor an den Rektor der FHS und bat diesen um Vermittlung. Auf dessen Rat hin nahm der Professor schriftlich zu den Vorwürfen Stellung und wies jeglichen Vorwurf eines schuldhaften Verhaltens von sich.

Mehrere Aussprachen hatten keinen Erfolg; eine vertrauensvolle Arbeitsbasis war nach Meinung der Fachbereichsleiterin nicht mehr gegeben. Schliesslich weigerte sich der Professor, eine «doch recht einseitige» (Originalton Bundesgericht) Mitarbeitervereinbarung zu unterschreiben.

Gütliche Einigung scheiterte

Nach weiteren, misslungenen Versuchen, die Differenzen gütlich zu bereinigen, erhielt der Professor im November 2009 die Kündigung per Februar 2010, was dieser nicht akzeptierte.

Er erhob gegen die vom Fachhochschulrat ausgesprochene Beendigung des Arbeitsverhältnisses Rekurs bei der Rekurskommission der FHS St. Gallen und verlangte die Aufhebung der Kündigung oder – bei Ablehnung dieses Antrages – eine Entschädigung von 63 000 Franken.

«Verfahrene Situation»

Weil die Rekurskommission den Professor abblitzen liess, rief dieser das Bundesgericht an. Mit vollem Erfolg.

Die Richter in Lausanne räumen in ihrem Entscheid zwar ein, dass die ganze Situation «verfahren» sei, wobei es schwerfalle zu beurteilen, wer die zwischenmenschliche Zerrüttung letztlich zu verantworten habe. Dass aber diese Konfliktsituation ihren Ursprung überwiegend im Benehmen des Professors habe, ergab sich für das Bundesgericht nicht aus den Akten.

Tatsache sei, dass der Professor seine Tätigkeit trotz Differenzen unbestrittenermassen zu jeder Zeit gewissenhaft und in zufriedenstellender Weise wahrgenommen habe. Der Lehrbetrieb der FHS sei in keinster Weise beeinträchtigt gewesen.

Keine «einfache Person»

Dass der Professor im Umgang mit den Vorgesetzten keine «einfache Person» gewesen sei, anerkennt auch das Bundesgericht.

«Eine derartige Charaktereigenschaft alleine stellt indes noch keinen genügenden Grund dar, welcher eine Auflösung des Arbeitsverhältnisses zu rechtfertigen vermöchte», hält das Bundesgericht fest. Die Kündigung erweist sich «mithin weder als sachlich begründet noch als verhältnismässig», zumal diese nach 13jähriger Tätigkeit erfolgte und der Professor im Alter von 55 Jahren steht.

Das Bundesgericht hat die Kündigung aufgehoben und verlangt, dass der zu Unrecht entlassene Professor wieder in seiner vorherigen Funktion eingesetzt wird. Die Fachhochschule St. Gallen muss die Gerichtskosten von 3000 Franken bezahlen und dem Professor für das höchstrichterliche Verfahren eine Entschädigung von 4000 Franken überweisen.

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