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LEBENSWERK: Die Hinterhofdichterin dichtet über Gossau

In Geschichten und Gedichten hat Rösli Krucker ihr Leben festgehalten. «Schmelzungen» handelt von Armut, Krieg, dem Gossauer Dialekt und einem gespaltenem Dorf.
Noemi Heule
Mit 87 Jahren hält Rösli Krucker ihr Lebenswerk in Händen. (Bild: Urs Bucher)

Mit 87 Jahren hält Rösli Krucker ihr Lebenswerk in Händen. (Bild: Urs Bucher)

Im hintersten Winkel eines Holzschrankes im Altersheim Abendruh ruht es noch immer, das «Beckeli» von Armin. Bemalt mit Blüten in Pastell wartete das filigrane Porzellangeschirr auf Armin, als er für die Nazis an die Front zog. Und es wartet weiter, auch nachdem er nicht aus Stalingrad heimkehrte. Seit Kriegsende steht es für seine Rückkehr bereit, so lange schon gilt Armin als vermisst.

Armin, «der Schwob» war Rösli Kruckers Halbbruder. Mit seiner Geschichte beginnt ihre eigene, die sie in kurzen Episoden im Buch «Schmelzungen – mein Leben in Gossau» sammelte. Neben biografischen Stücken voller Lokalkolorit enthält das Büchlein lyrische Texte, viele in Mundart. «I ha Freud am Gossauer Dialekt. Es lot sich öppe n’öppis säge so perfekt. Mer send a Usdrögg nöd verlege, zom mengs träf ond ganz gnau z’säge», schreibt sie.

Von der Schneiderin zur Schreiberin

«Träf» dieses Wort benutzt sie auch, wenn sie von ihrem Schaffen, ihrer Sprache spricht. Einfach und schnörkellos schreibt sie von ihrer Kindheit in Gossau, als einfaches, armes Kind. Davon, wie sie ihre ersten Batzen als Laufmeitli verdiente. Wenn sie im Winter nach Schulschluss Ringier-Heftli austrug und ihr von der «Gfrörni» die Finger aufplatzten wie Bratwürste. «Die Armut war immer unser Gast», schreibt sie. Später war sie als «jeune fille», als Hausmädchen, im Welschland. Sprach sie zu Beginn fast kein Französisch, kehrte sie mit einem Accent Heim, wo sie eine Lehre als Schneiderin antrat. Als Jahrgangsbeste schloss sie ab. Eine blanke Sechs erhielt sie für den Aufsatz zum Thema «Ein Zwanzigrappenstück erzählt». «Da fing ich an, an mich zu glauben», sagt die 87-Jährige. Dennoch vergingen Jahrzehnte bis aus der Schneiderin eine Schreiberin wurde – eine Hinterhofdichterin, wie sie sich nennt.

Vor einem halben Jahr zügelte Rösli Krucker vom Einfamilienhaus ins Altersheim. Mit dabei war nebst Armins Beckeli eine Schublade voller Geschriebenem. Geschichten, Gedichte, Gedanken. Fein säuberlich hat sie alles in Schnürlischrift zu Papier gebracht. Nach und nach zeigte sie die Stücke Bekannten, die sie ermunterten, ein Büchlein herauszugeben. Mit ihrer Hilfe ist das Werk nun vollbracht. Das Buch, im Eigenverlag erschienen, liegt seit Anfang Jahr in der Gutenberg Buchhandlung auf, wo es seither fast täglich über den Ladentisch geht.

Der Graben mitten durch Gossau

«Es ist halt nicht nur mein Leben. Es ist das Leben eines ganzen Dorfes», sagt sie zum Erfolg. Tatsächlich handelt vieles von Gossau. Von der St. Gallerstrasse, einst Spielplatz, heute Hauptverkehrsachse. «I weiss, diä Schtross het no vill Gschichte, i cha nöd gär vo alem brichte. So isch es gsii, es tuet mer weh, wenn i hüt das Chaos gseh.» Oder von der Kirche, die auch den Titel für das Büchlein stellte. Früher, da sei Gossau gespalten gewesen. Alles habe es zweimal gegeben im Dorf, einmal für Katholiken, einmal für Protestanten. Dieser Kleinkrieg sei nun vorbei, die Konfessionen verschmolzen.

Mehr als über Gossau schreibt sie aber über sich selbst. Über Kindheit, Jugend und Alter. Die Zeit dazwischen mit ihrer Familie auf dem Gotzenberg, den sie noch heute aus ihrem Fenster sieht, hat sie ausgeklammert. Gerade schwierige Zeiten, etwa den Tod ihres Mannes, darüber hat sie nicht geschrieben. Oder nicht ausdrücklich. «Diese Zeiten habe ich in Gedichten versteckt.»

Eigentlich habe sie die Texte nur für sich geschrieben. «Deshalb sind sie auch so erdig, so ehrlich», sagt sie. Trotz Armut und Mangel zeugt das Buch von glücklichen Zeiten. Rösli war ein heiteres Mädchen, das viel lachte. Manchmal so sehr, dass sie auf dem Holzbänkli eine Wasserlache zurückliess, wie sie schreibt. Auch heute zerknittern sich ihre Wangen immer wieder zu einem Lachen, während sie ihre Worte gestikulierend untermauert.

Auch wenn sie, nach zwei Schlaganfällen nicht mehr schreiben kann, sei sie glücklich. Mit drei Kindern, sechs Grosskindern und zwei Urgrosskindern. Viele Episoden ihres Lebens kannte auch die Familie noch nicht. Sie habe sie sich regelrecht von der Seele geschrieben. Etwa jene über Armin, um den sie nicht trauern durfte, weil ein «Schwob in der Familie eine Schande war. Noch dazu ein uneheliches Kind, das ihre Mutter in die Ehe brachte. Jetzt stehe es schwarz auf weiss, und sie sei frei.

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