LEBEN IM ALTER: «Wir kommen in Teufels Küche»

Kaufkräftig, kritisch, agil: Den Senioren macht der Fortschritt kaum zu schaffen, sagt Pro-Senectute-Chef Thomas Diener.Dennoch seien viele auf Hilfe angewiesen. Staatliche Gelder für die Angehörigenpflege einzusetzen, hält er aber für verfehlt.

Andri Rostetter
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«Wenn der Staat eine Tochter kontrollieren muss, die ihren Vater pflegt, dann greift er unmittelbar in eine Familie ein»: Thomas Diener. (Bild: Benjamin Manser)

«Wenn der Staat eine Tochter kontrollieren muss, die ihren Vater pflegt, dann greift er unmittelbar in eine Familie ein»: Thomas Diener. (Bild: Benjamin Manser)

Interview: Andri Rostetter

andri.rostetter@tagblatt.ch

Thomas Diener, die Pro Senectute wurde vor 100 Jahren gegründet, um die Altersarmut zu bekämpfen. Braucht es die Organisation heute noch?

Diese Frage sollte sich eine Sozialorganisation immer wieder stellen. Ihr Ziel muss es sein, die Arbeit so gut zu machen, dass sie überflüssig wird.

Die Altersarmut ist längst kein Massenphänomen mehr. Wann schafft sich die Pro Senectute ab?

So weit sind wir noch nicht. Die Altersarmut ist dank AHV und Ergänzungsleistungen tatsächlich weitgehend verschwunden. Aber es gibt sie immer noch. Und es gibt deutliche Zeichen, die wieder auf eine Zunahme hindeuten.

Was tun Sie dagegen?

Die Pro Senectute verfolgt seit ihrer Gründung das Ziel, ältere Menschen in das gesellschaftliche Leben zu integrieren, den Dialog zwischen den Generationen zu fördern und die Autonomie bis ins hohe Alter zu stärken. Das trägt wesentlich dazu bei, sozialer Not vorzubeugen. Da wird uns die Arbeit noch lange nicht ausgehen.

Die Pro Senectute ist längst nicht mehr die einzige Organisation im Bereich Alter. Müssen Sie Ihr Revier verteidigen?

Nein. Konkurrenz belebt den Markt. Ältere Menschen sollen wählen können. Die Senioren sind heute als kaufkräftiges Kundensegment gefragt. Sie sind aber auch kritische Kunden.

Inwiefern?

Es ist keine Kunst, einem Jugendlichen ein überteuertes Handy-Abo zu verkaufen. Bei älteren Leuten funktioniert das nicht. Die Pro Senectute wird zunehmend angefragt, sich für ein bestimmtes Produkt stark zu machen, um den Zugang zur Kundengruppe Senioren zu erleichtern. Das lehnen wir entschieden ab. Die Pro Senectute ist und bleibt unabhängig.

Sind die heutigen Senioren wacher, wenn es um Konsum geht?

Auf jeden Fall kritischer, agiler. Und weniger schnell überfordert, als wir meinen. Nehmen wir die SBB-Billettautomaten: Da heisst es immer, die Senioren seien speziell überfordert. Dabei sind die Senioren etwa gleich überfordert wie der Rest der Bevölkerung.

Wer heute frisch pensioniert wird, hatte in seinem Berufsleben ohnehin bereits mit Computern zu tun.

Absolut. Die Ansicht ist noch immer verbreitet, dass alle älteren Menschen Offliner seien. Natürlich ist das Tempo heute hoch. Die Gefahr besteht, dass viele ältere Menschen den Anschluss verlieren. Da braucht es zum Teil unsere Angebote, um diesen digitalen Graben zu schliessen. Aber die meisten kommen mit der Entwicklung problemlos mit.

Wie definieren Sie Offliner?

Da muss man unterscheiden: Es gibt solche, die wirklich nicht mit Computer und Internet umgehen können, weil sie den Anschluss verpasst haben. Dann gibt aber auch jene, die es schlicht nicht interessiert. Sie könnten es zwar, vermissen aber nichts, wenn sie keine E-Mails schreiben oder nicht auf Facebook sind. Das sind bewusste Entscheidungen.

Aber die Zahl der unfreiwilligen Offliner nimmt ab.

Auf jeden Fall. Wir haben 100-Jährige in Altersheimen, die ein eigenes Tablet besitzen. Das ist natürlich nicht die grosse Masse, aber es gibt diese digitalen Senioren. Vor kurzem hatte ich den Fall einer 86-jährigen Frau, die ins Altersheim wechselte. Sie wollte partout nur in ein Heim mit WLAN-Anschluss.

Wenn es den Senioren so gut geht, können sie auch länger arbeiten?

Es gibt sicher viele Leute, die froh wären, sie dürften länger arbeiten. Wenn wir aber das Rentenalter generell auf 67 erhöhen, dann haben wir wahrscheinlich ein gröberes Problem.

Warum?

Es heisst, die Wirtschaft brauche diese Arbeitskräfte. Wir stellen aber nicht fest, dass ältere Arbeitnehmende im grösseren Stil gesucht werden. Der grösste Teil der Langzeitarbeitslosen im Kanton St. Gallen ist im Alter 50 plus. Und das sind gut ausgebildete Leute.

Mit genügend Arbeitsplätzen wäre Rentenalter 67 kein Problem?

Die Flexibilisierung wäre mir sympathischer. Ich staune jedenfalls über jene Branchen, die kompromisslos Rentenalter 67 fordern – etwa für Dienstleistungsbetriebe. Gerade dort sind Frühpensionierungen sehr gefragt.

Müsste man die Flexibilisierung ausweiten?

Ja, am besten mit einer Spannweite von 62 bis 70. Wir hatten Gespräche mit Professoren der Uni St. Gallen. Einige können nicht verstehen, warum sie jetzt mit 65 in Pension gehen sollen. Mit 65 Jahren ist ein Professor häufig auf dem Zenit seines Schaffens – und trotzdem muss er gehen. Besser wäre, man würde mit 62 langsam kürzer treten, Aufgaben abgeben, Nachfolger aufbauen.

Ist der Schnitt mit 65 nicht mehr zeitgemäss?

Da muss man differenzieren. Für die Mehrheit ist die Pensionierung der Rettungsanker. Sie sind froh, dass sie aufhören können. Andererseits gibt es viele Arbeitnehmer, vor allem in Führungspositionen, die Mühe damit haben, plötzlich nicht mehr gebraucht zu werden. Hier wäre eine flexiblere Lösung wünschenswert.

Eine andere politische Forderung: Der Staat soll Angehörige bezahlen, die sich um pflegebedürftige Senioren in der Familie kümmern.

Diese Idee ist auf den ersten Blick verständlich, aus unserer Sicht aber der falsche Weg. In unserer Gesellschaft werden Pflegebedürftige zu 75 Prozent von Angehörigen betreut. Diese informelle Hilfe hat einen grossen Vorteil: die enge Beziehung zwischen Helfenden und Hilfsbedürftigen. Und: Die private Hilfe unterscheidet nicht streng nach Pflegeleistungen und Betreuungsleistungen. Es muss nicht jeder Handgriff rapportiert werden. Sobald aber öffentliche Gelder im Spiel sind, gibt es Auflagen – und diese rufen nach Kontrollen. Damit kommen wir in Teufels Küche.

Wieso?

Wenn der Staat beispielsweise eine Tochter kontrollieren muss, die ihren Vater pflegt, dann greift er unmittelbar in eine Familie ein. Jemand wird bestimmen müssen, welche Leistungen als Pflege, welche als Betreuung zu bewerten sind, ob die für die Pflege notwendige fachliche Qualifikation vorhanden ist und wie viele Stunden pro Tag angerechnet werden. Zudem würden wir diese Hilfe vermutlich nur schlecht bezahlen. Es gibt aber noch mehr Probleme.

Welche?

Am häufigsten sind Frauen, die ihre pflegebedürftigen Ehemänner pflegen. Diese Frauen sind in der Regel selber im Pensionsalter. Erstens sind diese finanziell abgesichert und brauchen kein Einkommen mehr. Zweitens werden sie dadurch nicht entlastet. Mit der Bezahlung steigt sogar der Druck, auf eine vielleicht längst notwendige stationäre Hilfe zu verzichten.

Wären bezahlte pflegende Angehörige eine Konkurrenz für die Pro Senectute?

Nein. Am meisten im Einsatz sind wir bei hochbetagten Alleinstehenden, bei Personen, die nur ein weit entferntes Umfeld haben und in der Entlastung von betreuenden und pflegenden Angehörigen. Statt die Gelder für die Angehörigenpflege einzusetzen, müssen wir die Entlastungsangebote ausbauen. Und diese müssen für alle bezahlbar bleiben.

Abgesehen von der Pflegefinanzierung: Wo haben wir politischen Nachholbedarf?

Es gibt im Kanton St. Gallen noch viel zu wenig teilstationäre Angebote. Das System ist wenig durchlässig, die staatlichen Auflagen sind teilweise zu hoch. Die Finanzierung ist noch zu komplex und verursacht grossen bürokratischen Aufwand. Da braucht es vor allem ein paar gute Ideen.

Haben Sie eine Lösung?

Keine Lösung, aber einen Lösungsweg. Solange die beteiligten Organisationen allein unterwegs sind, dominiert die jeweilige betriebswirtschaftliche Perspektive. Optimieren können wir nur im Verbund. Die ambulanten und die stationären Grundversorger müssen zusammen mit Kanton und Gemeinden das Problem angehen. Das Bewusstsein für das Problem ist aber vorhanden. Die Fachverbände, der Kanton und die Vereinigung der St. Galler Gemeindepräsidenten ziehen jetzt am gleichen Strick.