Landsleuten Gehör verschaffen

Yonas Gebrehiwet kommt aus Eritrea, einem Land ohne Pressefreiheit. Er ist Mitbegründer des Eritreischen Medienbundes Schweiz und für den Jugendprojekt-Preis nominiert. Heute ist die Preisverleihung in Altstätten.

Monika von der Linden
Merken
Drucken
Teilen
Yonas Gebrehiwet aus Rheineck ist mit seinen Mitstreitern im Eritreischen Medienbund Schweiz für den regionalen Final des Jugendprojekt-Wettbewerbs 2015 nominiert. Die Präsentation der zwölf Projekte ist heute abend im Kulturraum Jung Rhy in Altstätten. (Bild: Monika von der Linden)

Yonas Gebrehiwet aus Rheineck ist mit seinen Mitstreitern im Eritreischen Medienbund Schweiz für den regionalen Final des Jugendprojekt-Wettbewerbs 2015 nominiert. Die Präsentation der zwölf Projekte ist heute abend im Kulturraum Jung Rhy in Altstätten. (Bild: Monika von der Linden)

RHEINECK. Yonas Gebrehiwet ist ein gefragter junger Mann. Allein in den vergangenen Wochen hat er vier Interviews gegeben. Der achtzehnjährige Eritreer findet im Moment bei regionalen und überregionalen Medien aussergewöhnlich viel Beachtung, weil er Mitbegründer des Eritreischen Medienbundes Schweiz ist und nominiert für das Finale des Regionalen Jugendprojekt-Wettbewerbs der Kantone St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden.

Die Aufmerksamkeit freut ihn sehr und er nimmt die Gelegenheiten gerne wahr. Denn jedes Gespräch mit einer Zeitung oder einem Sender ist eine reale Übung. Yonas Gebrehiwet hat ein Ziel, er will den Medienbund noch bekannter machen. «Ich fühle mich gut, wenn ich möglichst vielen Leuten die Wahrheit erzählen kann», sagt er.

Image der Eritreer verbessern

Mit Wahrheit meint Yonas Gebrehiwet, er will das Image seiner Landsleute zurechtrücken. Der junge Asylbewerber lebt seit vier Jahren in Rheineck. Er fand sich schnell in dem fremden Land zurecht, lernte Schriftdeutsch schreiben und Mundart reden. Aktuell arbeitet er an der Vertiefungsarbeit im Rahmen seiner Lehre zum Textiltechnologen.

Vor einem Jahr war er bestürzt, wie die Öffentlichkeit auf einen Medienbericht reagierte. Ein Asylbewerber aus Eritrea hatte in Aarau eine Schweizerin angegriffen und verletzt. «Der Fall löste die Hetze gegen meine Landsleute aus. Eritreer werden seither als Wirtschaftsflüchtlinge und Sozialschmarotzer bezeichnet. Das motivierte mich, zwang mich fast, etwas gegen schlechte Medienberichte zu unternehmen», sagt Yonas Gebrehiwet. Auch er erfährt seither immer wieder Anfeindungen. «Ich habe nicht nur über sie gelesen, sondern sie auch erlebt.» Es sei nicht richtig, zu verallgemeinern und von einem einzigen Vorfall auf alle Eritreer zu schliessen.

Medienbund gegründet

Die Enttäuschung darüber, dass meist nur das Negative herausgegriffen wird, bewog Yonas Gebrehiwet zu handeln, und er schloss sich mit seinem Landsmann Selemun Estifonas und dem Schweizer Christian Fischer zusammen. Die drei jungen Erwachsenen gründeten den Eritreischen Medienbund Schweiz. Zunächst agieren sie und ihre Helfer in ihrem Heimkanton St. Gallen, möchten sich aber im ganzen Land vernetzen. Eine Homepage soll bald entstehen.

Was Christian Fischer für sein Engagement motiviert, weiss Yonas Gebrehiwet nicht. «Er ist ja nicht so sehr betroffen wie Selemun und ich. Ich glaube, es verletzt ihn, wenn über seine Freunde gehetzt wird.» Fischer ist Mitglied in einem Verein für transkulturelle Freundschaften. «Der Verein heisst nihhina – übersetzt: wir.» Die drei Initianten haben sich beim Jugendprojekt-Wettbewerb beworben und mit elf weiteren Projektgruppen sich für das regionale Finale in Altstätten qualifiziert. «Was wir machen, ist einzigartig», sagt Yonas Gebrehiwet. «Wir Eritreer kommen aus einem Land ohne Pressefreiheit. Wir wollen lernen, wie wir die Bevölkerung informieren können und dabei die Spielregeln der Medien einüben.»

Am Samstag dürfen sie den Medienbund in Altstätten einem grossen Publikum vorstellen. «Wir möchten natürlich gewinnen, der Geldpreis ist aber nebensächlich. Je weiter wir kommen, desto grösser wird unsere Popularität und die unserer Sache», sagt er. Er hat das Prinzip verstanden.

In die Präsentation einsteigen wird die Projektgruppe mit einem Mitschnitt eines «Tagesschau»-Beitrags vom 27. Juli auf SRF 1. In ihm kommt auch Yonas Gebrehiwet zu Wort. «Weiter erklären wir, wie wir arbeiten. Wir kommen mit nur wenig zurecht.» Anhand von Bildern zeigen die drei, wie kreativ sie sind, wenn an Ausrüstung etwas fehlt.

Gedichte in der Muttersprache

Als Yonas Gebrehiwet sechzehn Jahre alt war, begann er zu schreiben. Zunächst waren es Gedichte in Tigrinya, seiner Muttersprache. Weil er sie aber nur seinen Landsleuten zeigen kann, ist es im Moment nicht interessant. «Mich interessieren aktuelle politische Themen, die auch mich betreffen. Darüber will ich schreiben.»

Er hat Forderungen gegenüber der Politik und einen Wunsch an die Bevölkerung: «Die Verfahren für Asylbewerber sollen verkürzt werden, und jeder Jugendliche sollte mindestens Deutsch lernen müssen.» Weiter fordert er, das Konsulat Eritreas in Genf sei zu schliessen, damit eine Einnahmequelle der Diktatur versiegt. «Die Leute sollen keine Angst vor uns haben. Wir sind nicht so, wie wir so oft dargestellt werden.» Jeder solle Informationen kritisch hinterfragen und alle Seiten anschauen. «Ich habe nichts zu befürchten, ich sage die Wahrheit», sagt Yonas Gebrehiwet und hofft auf eine gute Platzierung beim Wettbewerb heute abend im Kulturraum Jung Rhy. Mit einem Preisgeld könnte der Eritreische Medienbund seine Ausrüstung ergänzen.