Kurier aus Leidenschaft

ST.GALLEN. Nächstes Wochenende findet die schweizerisch-deutsche Velokurier-Meisterschaft in St.Gallen statt. Als Lokalmatador ist Samuel Gadient am Start. Der Kurier aus Leidenschaft über harte Konditionen, kuriose Aufträge und kleine Ansprüche.

Kathrin Reimann
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Samuel Gadient fährt seit über zwei Jahren Lieferungen durch die Stadt und die angrenzende Region. Ein Job im Büro wäre ihm zu langweilig, ihn reizt die Abwechslung. (Bild: Ralph Ribi)

Samuel Gadient fährt seit über zwei Jahren Lieferungen durch die Stadt und die angrenzende Region. Ein Job im Büro wäre ihm zu langweilig, ihn reizt die Abwechslung. (Bild: Ralph Ribi)

Samuel Gadient steht in der Küche der Kurierzentrale von «Die Fliege» und rührt in einem Topf. Er trägt sein Kurier-Tenue, und die anderen Velokuriere trudeln kurz vor Mittag zum gemeinsamen, aber freiwilligen Essen in die umfunktionierte Wohnung im Linsebühlquartier ein.

Hobby und Beruf vereint

Kochen gehört allerdings nicht zur Kernkompetenz der flinken Auslieferer. «Wer diesen Job machen will, muss vor allem gerne Velo fahren», sagt Gadient. Der 32jährige St.Galler stieg vor zweieinhalb Jahren bei «Die Fliege» ein. Er hatte vier Jahre auf seinem gelernten Beruf als Holzbauingenieur gearbeitet und war damit nicht mehr glücklich. «Da ich in der Freizeit sowieso intensiv Velo fahre, konnte ich so Beruf und Hobby zusammenlegen.»

Gemeinsam mit seinem Bruder machte sich Gadient vor zweieinhalb Jahren mit einer Schreinerei selbständig. Daneben fuhr er «um ein sicheres Einkommen zu generieren» an etwa zwei Tagen in der Woche als Velokurier. Mittlerweile ist Gadient Vater von zwei kleinen Buben. Deshalb bringt er heute noch einen Tag die Woche Lieferungen von A nach B. «An drei Tagen die Woche arbeite ich in der Werkstatt, einen Tag bin ich Velokurier und am Freitag kümmere ich mich um die Kinder – das ist eine gute Abwechslung.» Vier Jahre immer den selben Job zu machen, habe ihm gereicht. «Am Velokurier-Dasein gefällt mir, dass ich mit dem Velo unterwegs bin, Kontakt mit unterschiedlichsten Menschen habe, draussen unterwegs bin und nicht in einem Büro hocke.»

Wenn das Wetter schön sei, geniesse er den Job besonders. «Aber ich mag es auch, wenn die Konditionen härter sind.» Früher wäre er bei Regen drinnen geblieben, als Kurier sei er dazu gezwungen, raus zu gehen. «Das mag ich sehr.» Doch der Segen ist gleichzeitig auch Fluch. «Wenn es nass und kalt ist und wir die Aufträge schnell erledigen müssen, schwitzen wir. Wenn man so verschwitzt Pause macht, friert man und ist allfällig für Krankheiten.» So gebe es vor allem im Herbst und Winter Zeiten, wo das halbe Team flach liege.

Keine Karriere-Aussichten

Dass die Kuriere einem Aussenstehenden als eingeschworene Gemeinschaft und besondere Spezies erscheinen können, entkräftet Gadient. «Er ist zwar nicht alltäglich, aber trotzdem ist es einfach ein Job wie jeder andere auch.» Vielleicht unterscheide er sich dadurch, dass man hier keine Karriere machen könne und auch nicht das grosse Geld. «Es ist ein Leidenschaft-Job, eine Herzensangelegenheit.» Aber wer seine Ansprüche etwas runterschraube, komme mit dem Lohn gut durch.

Zu den Kunden des Kurierdienstes «Die Fliege» zählen vor allem Labors, Architekten, Grafiker, Copyshops und Leute, die sich Essen bestellen. Es gibt aber auch immer wieder mal kuriose Aufträge. «Am 1. August musste ich Beruhigungspillen für einen Hund ausliefern», sagt Gadient. Meistens freuen sich die Kunden über die Arbeit des Velokuriers. «Oft fühlen sie auch mit mir mit, bemitleiden mich, weil es zu kalt oder zu heiss sei.»

Den Job als Velokurier empfindet Gadient als streng. «Da ich ihn nur einen Tag die Woche ausübe, geht es gut.» Nur die Veloführung durch die Stadt ist seiner Meinung nach noch verbesserungswürdig und nicht à jour. «Es fehlen Velostreifen, und an Ampeln und Kreuzungen wartet man mit dem Velo sehr lange.» Die vielen Baustellen machen ihm indes nichts: «Ich kenne genug Schleichwege.»

An der Meisterschaft der Velokuriere, die am Wochenende in St.Gallen stattfindet, nimmt Gadient zum ersten Mal teil. Ambitionen auf den Sieg hat er aber keine. Seine Chancen dürften dennoch nicht allzu schlecht stehen, fährt er in seiner Freizeit doch 24-Stunden-Rennen mit dem Mountainbike und hat das Velo-Race «La Rach 2015» von Müstair nach Genf gewonnen, indem er Non-Stop 485 Kilometer und 6500 Höhenmeter innerhalb von 20 Stunden hinter sich brachte. Und auch sonst fährt er – je nach Jahreszeit – immer mal wieder grössere oder kleinere Rennen. Die grössten Gewinnchancen an der Meisterschaft rechnet er sich denn auch in der Disziplin Bergsprint aus.

Die Pflicht zur Teilnahme

Ob der Heimvorteil bei seiner Teilnahme ausschlaggebend sein könnte, ist er sich nicht sicher. «Es ist aber auf alle Fälle Pflicht, teilzunehmen, wenn man die Meisterschaft schon mal vor der Haustüre hat.»

Und dann, ohne Mittagessen im Magen, muss Samuel Gadient auch schon wieder los. Ein Kunde wartet auf die Lieferung, und so schultert er seine Tasche und düst, ganz ohne zu murren, los.