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KURDISTAN: Den Druck auf die Türkei erhöhen

Auch in St. Gallen demonstriert die kurdische Gemeinschaft gegen die türkische Militäroffensive in Nordsyrien. Seit Ende Januar finden regelmässig Demonstrationen. Doch das genüge nicht, sagen einige.
Matthias Fässler

Matthias Fässler

matthias.faessler@tagblatt.ch

Cemil Hesen spricht mit klarer Stimme. Er erzählt von Afrin, jener kleinen Stadt, die so lange vom syrischen Bürgerkrieg verschont geblieben und in die seine Familie geflüchtet war. Er berichtet von den tausenden Olivenbäumen rund um die Stadt. Als Hesen im «Schwarzen Engel» seine Geschichte erzählt, weiss er noch nicht, dass Afrin bereits drei Tage später von der türkischen Armee besetzt sein wird.

Die türkische Militäroffensive, die unter dem Namen «Operation Olivenzweig» am 20. Januar begann, scheint zwar weit weg. Doch auch hier bewegt sie die kurdische Gemeinschaft. In den Wochen nach dem 20. Januar fanden in der Stadt alle zwei Tage Demonstrationen und Kundgebungen statt. In der Zwischenzeit wurden Spendenaktionen lanciert und Diskussionsabende veranstaltet.

Die Schweiz erinnert an Kurdistan

Eine, die immer mittendrin ist, ist Sevdet Hajrullahi. Vor 24 Jahren kam sie als politischer Flüchtling nach St. Gallen. Heute ist sie Co-Präsidentin des Kurdischen Gesellschaftszentrums. «Seit die Türkei in Afrin einmarschiert ist, hören wir gar nichts mehr von unseren Freunden», sagt sie. Vorher hätten sie Sprachnachrichten von Menschen erreicht, denen es am Nötigsten fehlte: Essen, Medikamenten, sauberem Trinkwasser.

Im Gesellschaftszentrum an der Oberstrasse 149 koordiniert Hajrullahi die Aktivitäten, ist verantwortlich für den Kongress, den die Mitglieder jedes Jahr wählen, aber auch für Kulturveranstaltungen und für Demons-trationen. Die Koordination teilt sie sich mit dem Präsidenten. «Das Präsidium wird immer von einer Frau und einem Mann ausgeübt. Denn Frauen sind häufig untervertreten in der Politik», sagt sie. Und ergänzt, nicht ohne Stolz: «Frauen sind für Erdogan besonders gefährlich.» In Kurdistan kämpft auch eine Frauenmiliz, die YPJ. Die Schweiz erinnere sie an Kurdistan, sagt Hajrullahi zum Schluss: «Hier leben verschiedene Kulturen und Religionen friedlich zusammen.»

Auch Gülsen Celikol ist eine dieser Frauen, die ihre Stimme gegen Erdogan erhoben haben. Celikol ist Mitglied der Solidaritätsgruppe Syrien/Kurdistan, die 2015 im Cabi-Antirassismus-Treff entstand. Ein Jahr später besuchte sie in einer Delegation mit dem Grünen-Nationalrat Balthasar Glättli kurdische Gebiete rund um Diarbakir. Sie sagt: «Uns geht es darum, die Zivilgesellschaft auf die politische Lage in Kurdistan aufmerksam zu machen.» Das Komitee organisiert Demonstrationen und Diskussionsabende. «Nur zu reden und zu demonstrieren alleine genügt aber nicht», sagt sie. Es müsse politischer Druck auf die Türkei ausgeübt werden. «Ohne konkrete Massnahmen, wie etwa Wirtschaftssanktionen, ändert sich nichts», sagt sie. Damit meine sie auch den Stopp der Waffenexporte, etwa aus der Schweiz.

«Besser, als zu Hause rumzusitzen»

Eine Demonstration an einem Dienstagabend vor dem Waaghaus. Rund 100 Personen haben sich versammelt. Jedoch nicht zur Freude der Polizei. Denn die Demonstranten haben keine Bewilligung eingeholt. «Erdogan hatte auch keine, als er Afrin angriff», sagt ein älterer Mann.

In der Menschenmenge steht auch Dominic Truxius, Vorstandsmitglied der städtischen Juso. «Es geht hier nicht um einen alleinigen Kampf der Kurdinnen und Kurden», sagt er. Es sei ein gemeinsamer Kampf aller «demokratischen und feministischen Kräfte». In seiner Nähe stehen kurdische Jugendliche. «Jede Demo, auch nur mit fünf oder 20 Leuten, ist besser, als zu Hause rumzusitzen», sagt einer. Es komme zwar manchmal vor, dass Leute negativ auf die Demonstrationen reagieren. Man solle zurück in sein Land, heisse es dann. «Die Jugendlichen, die ich kenne, sind aber hier geboren. Das ist auch unsere Heimat.»

Auch für Cemil Hesen ist die Schweiz, ist St. Gallen, zur Heimat geworden. Als er 2013, mitten im Bürgerkrieg, hätte einrücken müssen, ist er geflüchtet. Zuerst nach Afrin und dann übers Meer. Seit 2015 lebt der 26-Jährige mit seiner Frau in St. Gallen und ist anerkannter Flüchtling. Seine Familie und Bekannten sind mittlerweile aus Afrin geflüchtet und leben in einem ehemaligen Gefängnis. «Wenn ich mit meiner Familie am Telefon spreche, versuche ich sie aufzuheitern, ihnen Mut zu machen.»

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