Kurdische Kinder bangen um Asyl

Mit einer Petition und Asylgesuchen für die ältesten Kinder will das Solidaritätsnetz Ostschweiz die Abschiebung einer achtköpfigen Familie in die Türkei verhindern. Alle bisherigen Gesuche wurden allerdings abgewiesen.

Marcel Elsener
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Halbwegs glücklich im Toggenburg: Die sechs Kinder Yasemin Yapraks – drei Mädchen und drei Buben im Alter von zwei bis zwölf Jahren. (Bild: pd)

Halbwegs glücklich im Toggenburg: Die sechs Kinder Yasemin Yapraks – drei Mädchen und drei Buben im Alter von zwei bis zwölf Jahren. (Bild: pd)

ST. GALLEN. Heute nimmt die Familie Yaprak auf dem St. Galler Migrationsamt den sogenannten Ausreisebefehl entgegen; alle Gesuche und Beschwerden ihrer Rechtsvertreter für die Aufnahme in der Schweiz wurden abgewiesen. Beim Gang zu den Behörden fehlt die psychisch schwer angeschlagene Mutter Yasemin Yaprak, doch ihr Lebenspartner Bayram Yasar, begleitet von den älteren der sechs Kinder und von einer Gruppe von Freunden aus dem Solidaritätsnetz Ostschweiz, wird mit den Behörden die Fragen der Ausreise in die Türkei klären. Dazu gehört die Bereitschaft auszureisen – und welche zusätzliche Rückkehrhilfen die Familie beansprucht, etwa finanzielle, psychologische oder vormundschaftliche Unterstützung.

Ein unmögliches Angebot, wie der Freundeskreis betont: Es gehe um Leben und Tod, eine Abschiebung sei absolut unzumutbar. Die Frau, ihr Lebenspartner, sogar die Kinder müssten mit Ehrenmord oder Suizid rechnen. Niemals werde die Familie «freiwillig» ausreisen – das wird nicht gesagt, aber angedeutet. Und von Zwangsausschaffung der achtköpfigen Familie allenfalls hinter vorgehaltener Hand gesprochen – auch bei der St. Galler Polizeidirektion will man sich nicht vorstellen, wie aufwendig und teuer dies wäre.

Rachemord wahrscheinlich

«Die Kinder wie die Eltern sind extrem gefährdet», schrieben die Pfarrerin Catherine McMillan (Unteres Neckertal, heute Dübendorf), ihr Kollege Josef Wirth (St. Gallen) sowie weitere Aktivisten im Juni 2014 an das Bundesamt für Migration. «Wir können uns nicht vorstellen, dass diese Familie eine Abschiebung in die Türkei überlebt, und stellen den Antrag, den Vollzug der Wegweisung zu stoppen und eine vorläufige Aufnahme zu erteilen.»

Die Familie hat einen langen Leidensweg hinter sich, seit sie 2010 ein erstes Asylgesuch in der Schweiz einreichte. Dabei beginnt die Tragödie schon viel früher: Die heute 31jährige Frau wird in ihrem kurdischen Dorf mit 15 Jahren zwangsverheiratet, obwohl sie einen anderen Mann – ihren heutigen Lebenspartner – liebt. Ihr inzwischen längst in die Türkei ausgeschaffter Gatte schlägt und missbraucht die Frau sowie mehrfach auch seine vier Kinder. Aufgrund der erlittenen Qualen und der strapaziösen Jahre ist die Frau heute psychisch krank und suizidgefährdet. Trotzdem vermag die Familie zwischenzeitlich aufzuatmen: Sie ist laut Angaben des Solidaritätsnetzes in Ebnat-Kappel «gut integriert, wird dann herausgerissen und in das Flüchtlingsheim in Seeben eingewiesen, wo sie schikanös behandelt» wird. Freunde ermöglichen indes den Austritt und eine Wohnung in Wil, wo die Kinder wieder in die öffentliche Schule und in den Kindergarten gehen können.

Bis heute – respektive bis Anfang April, als das Bundesverwaltungsgericht den Rekurs für das dritte abgelehnte Asylgesuch ebenfalls ablehnt und der auf den 5. Mai datierte Ausreisebefehl eintrifft, «ein Schock», wie die Freunde schreiben.

«Nicht asylrelevant»

Das Solidaritätsnetz, namentlich Hannelore Fuchs von der Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht Ostschweiz, pocht auf den rechtlichen Anspruch der Kinder, gestützt auf die in der Schweiz oft zu wenig beachtete Kinderkonvention. «Wir bauen auf einen Rechtsstaat, der auch die Belange ausländischer Kinder ernst nimmt.»

Auf der anderen Seite begründet das Bundesverwaltungsgericht seine Ablehnung unter Verweis auf die Interessenlage der Kinder, die sich mit jener der Eltern decke; rechtlich habe ein Kind in der Schweiz kein Anhörungsrecht. Auch traut das Gericht den türkischen Behörden zu, «gegen das Phänomen der Ehrenmorde effektiv vorzugehen». Die Gefahr seitens des Vaters sei «nicht als asylrelevant zu qualifizieren». Ebenso sei die Türkei «in der Lage, Kinder vor innerfamiliärer Gewalt zu schützen»; es bestehe in dem modernen Land «keine asylrechtlich erhebliche Gefährdung an Leib und Leben». Und es könnten dort auch die «posttraumatischen Belastungsstörungen» der Kinder behandelt werden.

Die Behörden hätten «alles nicht ernst genommen», sagt Catherine McMillan. Die Pfarrerin und die Freunde betonen, dass die Familie keine Perspektiven habe, vielmehr mit Diskriminierung und Gefahr aus der eigenen Familie rechnen müsse. Ein letzter Funke Hoffnung bleibt. Einerseits mit der Petition, die laut Justizdepartement die Ausreise nicht stoppe, doch in jedem Fall geprüft werde. Und andererseits mit den neuerlichen Asylgesuchen, diesmal ausdrücklich für die ältesten Kinder, die zwar noch nicht mündig, aber urteilsfähig seien. «Irgendwie muss es gehen», hofft Josef Wirth und erwähnt eine russische Familie, die ebenfalls dank dem Kinderasyl vorläufig bleiben könne.

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