Kunde aus dem Bodenarchiv

Die Archäologen stossen im Klosterviertel auf immer neue Funde. Über die neusten Ergebnisse orientierte am Dienstagabend Erwin Rigert von der Kantonsarchäologie; er ist Projektleiter der Ausgrabungen.

Josef Osterwalder
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Am Gallusplatz haben die Vorarbeiten für neue Gräben begonnen; hier sind weitere archäologischen Funde zu erwarten. (Bild: Reto Martin)

Am Gallusplatz haben die Vorarbeiten für neue Gräben begonnen; hier sind weitere archäologischen Funde zu erwarten. (Bild: Reto Martin)

Das Zusammentreffen ist einmalig: Das Stiftsarchiv stellt zurzeit im Regierungsgebäude die kostbaren Verbrüderungs- und Professbücher aus dem Galluskloster aus. Bücher, in denen die Mönche beim Klostereintritt persönlich ihre Unterschrift unter das Gelübde gesetzt haben. Nur wenige Meter aber vom Stiftsarchiv entfernt sind die Archäologen auf Funde gestossen, die ebenfalls ins 8. und 9. Jahrhundert zurückreichen.

Die Bücher enthalten die Namen von Mönchen, die genau die Mauern gesehen und über die Strassen gegangen sind, die die Archäologie freigelegt hat.

Funde und Quellen

Es ist dieses Zusammentreffen von schriftlichen Quellen und archäologischen Befunden, was die Grabungen in der südlichen Altstadt so spannend macht.

Medialer Höhepunkt der Ausgrabungen war die Hebung und Öffnung des Steinsarkophags vor einem Jahr, eine Entdeckung, die europaweit in den Medien aufgegriffen wurde, wie Rigert sagt. Aufschlussreich sind aber auch die weniger spektakulären Funde, die Fäkaliengruben zum Beispiel. Die ältesten, die gefunden wurden, gehen ins 7. Jahrhundert zurück, als sich am Gallusgrab eine erste Eremitengemeinde gebildet hatte.

Die Tatsache, dass bereits damals solide Fäkaliengruben angelegt werden mussten, gibt einen Hinweis auf die Grösse dieser ersten Gemeinschaft.

Latrinen wie im Klosterplan

Die Fäkaliengruben werfen zudem ein Licht auf den St. Galler Klosterplan von 820, der zahlreiche solcher Anlagen eingezeichnet hat, differenzierte sogar. So sind sie beim Aderlasshaus, dem «Gesundheitszentrum», besonders zahlreich.

Der Blick von der Archäologie zum Klosterplan ist besonders spannend. Der berühmte St. Galler Plan einer Klosteranlage gilt ja als Idealplan. Bisher war die Ansicht wegleitend, dass er mit dem um 830 gebauten Kloster nichts zu tun habe. Möglich, dass nach Auswertung aller Grabungen diese Ansicht revidiert werden muss. Jedenfalls zeigt Rigert Bilder von Mauerresten der alten Petruskirche und Katharinenkapelle, die sich genau dort befinden, wo auch der Klosterplan eine Nebenkirche des Münsters eingezeichnet hat.

Viele Skelette von Neugeborenen

Besonders zahlreich waren die Gebeine und Sarg-Resten, die bei den Grabarbeiten im Klosterviertel angetroffen wurden. Diese lagen äusserst dicht bei- und übereinander; vier auf einer Fläche von einem Quadratmeter, was auf Tausende von Bestattungen schliessen lässt. Teile der südlichen Altstadt, das Gebiet zwischen St. Laurenzen, Dom und Stadthaus, waren im Mittelalter also ein grosser Friedhof. Bewegend, dass siebzig Prozent der hier bestatteten Menschen Kleinkinder waren.

Aufschlussreich sind auch kleine farbige Glasstücke, die bei den neusten Grabungen gefunden wurden. Sie sind an den Rändern zugeschliffen, haben die Form von Medaillons, Hinweise, dass sie für Zierzwecke verwendet wurden, bei Kelchen, Bucheinbänden oder Textilien.

Ein Porträt des Mannes im Sarg

Erwin Rigert berichtet auch, was seit der Hebung des Steinsarges vor einem Jahr geschah. Der mit erstaunlicher Kunstfertigkeit hergestellte Sarg befindet sich im Historischen Museum.

Die bald nach der Hebung sichtbar gewordenen Risse verlangten dringend eine fachmännische Sicherung. So wurde der Sandstein mit dreissig Litern einer stabilisierenden Flüssigkeit getränkt und muss nun austrocknen.

Nicht gelöst und wohl auch kaum lösbar ist das Rätsel um den Mann im Sarg. Jedenfalls muss es sich um eine hochgestellte Persönlichkeit gehandelt haben.

Zurzeit wird in Freiburg im Breisgau von Fachleuten das Gesicht rekonstruiert, so wie dies die Rechtsmedizin von einzelnen Kriminalfällen her kennt.

So reich die Funde sind, so vorsichtig ist Erwin Rigert mit Deutungen. Als Wissenschafter hält er sich an Tatsachen, nicht an Phantasien. Solche brauchen auch gar nicht bemüht zu werden. Denn der Blick ins St. Galler Bodenarchiv ist faszinierend genug.