Kulturangebot muss sich selbst regulieren

Hochkarätige Künstler kämen nicht nach St. Gallen, weil das «am Arsch der Welt» liege, sagte Etrit Hasler in bezug auf die schlechten Besucherzahlen der Veranstaltung Icon Poet (Tagblatt von gestern).

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Barbara Affolter Co-Leiterin Fachstelle Kultur der Stadt St. Gallen (Bild: Urs Bucher)

Barbara Affolter Co-Leiterin Fachstelle Kultur der Stadt St. Gallen (Bild: Urs Bucher)

Hochkarätige Künstler kämen nicht nach St. Gallen, weil das «am Arsch der Welt» liege, sagte Etrit Hasler in bezug auf die schlechten Besucherzahlen der Veranstaltung Icon Poet (Tagblatt von gestern). Wegen dieses «Standortproblems» sei fraglich, ob die Veranstaltungsreihe in Zukunft überhaupt weitergeführt werden könne. Barbara Affolter von der Fachstelle Kultur über grosse Namen und die Kulturstadt St. Gallen.

Frau Affolter, schreckt St. Gallen tatsächlich grosse Künstler ab?

Künstler kommen hierher, wenn sie attraktive Auftrittsmöglichkeiten haben. Etablierte Institutionen können wegen langjähriger Vernetzungsarbeit immer wieder Künstler präsentieren, die aufgrund der persönlichen Bindung zum Ort und zu den Menschen auftreten. Aber St. Gallen ist ein Kulturstandort ohne Veranstaltungsagentur und verschwindet insbesondere im Tanz- und Theaterbereich vom Tournéeplan, weil der Aufwand für Organisation und Werbung zu gross ist, wenn man sich selbst veranstalten muss.

Inwiefern greift die Fachstelle Kultur in solchen Fällen ein?

Icon Poet wurde beispielsweise durch die Kulturförderung der Stadt finanziell unterstützt. Wir legen Wert auf ein breites Spektrum an kulturellen Veranstaltungen und bieten Hand bei der Bewerbung der Veranstaltungen, bei der Raumsuche und bei Bewilligungsanfragen. Zudem versuchen wir, eine breite Öffentlichkeit für das Thema Kultur zu sensibilisieren.

Welche jüngeren Beispiele für hochkarätige Künstler, die in St. Gallen gastierten, gibt es?

Da gibt es viele: Alfred Dorfer, Hazel Brugger, Franz Hohler, Sophie Hunger, Courtney Barnett, Sol Gabetta, Nora Gomringer und Bill Callahan mit seinem schweizweit einzigen Auftritt. Dass Veranstaltungen eingehen, liegt also kaum daran, dass grosse Namen nicht kommen. Gründe sind im dichten Kulturangebot zu suchen, das sich selbst regulieren muss. Auch die Finanzierung der Anlässe spielt eine Rolle: nicht nur die öffentliche Hand muss sparen, auch Stiftungen finanzieren weniger mit und Sponsoren engagieren sich stärker bei Grossanlässen.

Ist St. Gallen also genug attraktiv als Kulturstadt?

St. Gallen hat ein dichtes und attraktives Kulturangebot auf allen Ebenen und in allen Sparten. Regelmässig wird bemängelt, dass man sich jeden Abend entscheiden müsse, da mehrere Anlässe gleichzeitig stattfänden. Das spricht für sich. Aufholen kann St. Gallen, indem Räume für Kreation und Produktion angeboten werden – um weiterhin Kulturinteressierte und Kulturschaffende anzulocken. (kar)