Krankenschwester für Unikate

Seit zwei Jahren hegt und pflegt die Informationsspezialistin Regula Wyss die Privatsammlungen im Staatsarchiv. In ihrer Obhut sind teilweise auch Kuriositäten. Neben dem Zahn der Zeit nagen die Platzverhältnisse an den Stücken.

Corinne Riedener
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Regula Wyss, eine der Spezialistinnen fürs Archivieren und Konservieren im Staatsarchiv St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Regula Wyss, eine der Spezialistinnen fürs Archivieren und Konservieren im Staatsarchiv St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Enge Gänge, Magazine und viele Schachteln voller Zeugnisse aus vergangenen Zeiten – das ist ihre Welt. Regula Wyss ist Konservatorin im St. Galler Staatsarchiv und liest sich dort durch Privatarchive und Privatsammlungen. Sie managt Informationen. Ihr Job ist es, alle Archivalien, wie das in der Fachsprache heisst, zu katalogisieren, zu erfassen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit: geschundene und gefährdete Stücke pflegen und so gut es geht konservieren. Am Donnerstag war sie auf Einladung des Stadtarchivs der Ortsbürgergemeinde im Stadthaus zu Gast, um über ihre Arbeit und die Erhaltung gewisser Stücke zu erzählen.

Rennen gegen die Zeit

«Papier ist ein geduldiges Medium», sagt die Spezialistin vor dem Referat. «Bei guter Qualität überlebt ein Buch gut und gerne einige hundert Jahre.» Bei den neueren Medien sehe die Sache schon anders aus. «Audiovisuelle Medien wie Kassetten oder VHS-Bänder sind schwieriger zu konservieren. Sie haben eine vergleichsweise kurze Halbwertszeit. Über den Daumen gepeilt etwa hundert Jahre.» Zudem seien die Geräte, mit denen man sie abspiele, oft veraltet und kaum mehr zu finden. «Diesem Problem kann man mit der <Datenmigration> entgegenwirken», sagt Wyss. «Wir versuchen, so viele Unikate wie möglich zu digitalisieren und die Daten in Langzeitarchiven zu sammeln. Aber das kostet Zeit und vor allem Geld.»

Abgefahrene und süsse Dinge

Bei der Frage, was sie eigentlich genau sammle, lacht Regula Wyss. «So ziemlich alles! Dinge von Privaten, Unternehmen, Organisationen, Parteien. Alles, was irgendwie mit dem Kanton St. Gallen zu tun hat.» Meist sind das Unterlagen, Akten, Karten, Bücher, Pläne, Fotos oder Videos. So hat sie eine grosse VHS-Sammlung von Gegnern des Waffenplatzes Neuchlen-Anschwilen aus den 1990er-Jahren unter ihren Fittichen. Aber sie hütet auch ziemlich «abgefahrene» Dinge wie ein antikes Verhütungsmittel. Und süsse Sachen: Liebesbriefe und alte Fotos. «Die mag ich am liebsten», sagt die Stadtbaslerin.

Auch das Klima muss stimmen

Und wie pflegt man beispielsweise ein Buch? «Zuerst reinigen wir es. Wenn nötig draussen auf dem Klosterhof. Mit einer Bürste oder einem kleinen Staubsauger. Bevor es in eines unserer Magazine kommt, verpacken wir es in eine säurefreie Schachtel.» Danach sei wichtig, dass die klimatischen Verhältnisse im Archivraum stimmten. Das sei im Fall des Staatsarchivs nicht immer ganz einfach, «da die Temperaturverhältnisse suboptimal sind», wie Wyss es ausdrückt. Und das Gebäude hat noch ein weiteres Problem: «Spätestens in vier Jahren geht uns der Platz aus. Der Kanton hat leider aufgrund der Sparmassnahmen die Planung des neuen Staatsarchivs verschoben. Das ist bedauerlich.»

St. Gallen tickt anders

Gepflegt hat Wyss schon früher, als sie noch in Basel wohnte. Allerdings Menschen. «Ich war 20 Jahre lang Krankenschwester. In diesem Beruf wollte ich aber nicht alt werden.» Sie brach deshalb ihre Zelte in Basel ab und begann mit 43 Jahren in Chur ihr Studium zur Informationsspezialistin. «Das war eine gute Entscheidung. Ich brauche öfters eine Veränderung», sagt sie lachend. Darum falle es ihr leicht, sich durch die Geschichte des Kantons St. Gallen zu wühlen. Sie zögert bei der Frage, wie sich St. Gallen von Basel unterscheide. «Ich mag St. Gallen. Es tickt aber anders. Wie anders, kann ich nicht genau sagen. Vielleicht habe ich in zehn Jahren eine Antwort.»