KORNSCHIFF: Freudentag beendet Hungersnot

Heute vor 200 Jahren lief ein mit Getreide vollbeladenes Schiff in den Hafen von Rorschach ein. Der Anlass bedeutete für die Bevölkerung in der Ostschweiz das Ende der fürchterlichen Hungersnot 1816/1817.

Otmar Elsener
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Otmar Elsener

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Ein unbekannter Zeichner hat auf einem alten Holzstich die Volksmenge festgehalten, die am 21. August 1817 vor dem Kornhaus für ein denkwürdiges Ereignis zusammengeströmt war: Der Steuermann einer mit Wimpeln, Girlanden und Kränzen geschmückten Bodensee-Lädine peilt die Schiffslände vor dem Kornhaus an. Während die Schiffsleute das Segel des mit prallvollen Getreidesäcken beladenen Kahns bergen, bejubelt die Bevölkerung am Ufer und in Ruderbooten vom See her mit erhobenen Armen und Hüte schwenkend die Ankunft des Schiffes.

Der St. Galler Rupert Zollikofer ist einer der Zeitzeugen, die über die seit Menschengedenken verheerendste Hungersnot in unserem Land berichtet haben. In seinem 1818 erschienenen zweibändigen Buch «Der Osten meines Vaterlandes oder die Kantone St. Gallen und Appenzell im Hungerjahr 1817» beschreibt er das Ereignis der Schiffsankunft: «Das von tausend Leiden furchtbar heimgesuchte Land fing an, freudiger zu atmen. Am 21. August lief das erste Fruchtschiff aus Schwaben wieder in Rorschach ein, reich geschmückt war es mit Blumen, Bändern und Kränzen. An seinen Wimpeln prangte die Farbe der Hoffnung. Fluten von Menschen drängten sich hin zum freudigen Anblick. Die Gestade waren mit Haufen Volkes aus allen Klassen und Ständen dicht besetzt. Lauter Jubel tönte dem Ankömmling entgegen. Jubel erfüllte die Luft, drang durch Berg und Tal, in Dörfer und Städte.»

Die Bevölkerung feierte überschwänglich, weil das erste Kornschiff für alle ein sicheres Zeichen war, dass die grässliche Hungersnot endlich vorbei war. Wenn wir heute von Ländern hören und lesen, in denen Bürgerkriege geführt werden, zum Beispiel im Sudan, wo Hunderttausende durch den Zusammenbruch der Versorgung vom Hungertod bedroht sind, können wir uns kaum vorstellen, dass unsere eigene Region vor 200 Jahren von einer katastrophalen Versorgungskrise heimgesucht wurde. Sie führte zu einer nie da gewesenen Hungersnot unter dem ärmsten Teil der Bevölkerung. Wie konnte es damals in der Region Rorschach trotz des im 18. Jahrhundert dank der Leinwand- und Baumwollindustrie erarbeiteten allgemeinen Wohlstands zu einer Hungersnot kommen, wie sie hier seit Menschengedenken nie zuvor erlebt wurde?

Spekulanten und Wucherer

Das Jahr 1816 war regnerisch, kalt und feucht. Grosse Schneemengen und Niederschläge verursachten Überschwemmungen, die Winter- und Sommersaaten zunichte machten. Erst Jahrzehnte später wurde erkannt, dass das Klima durch den Ausbruchs des Vulkans Tambora in Indonesien im April 1815 beeinflusst worden war. So blieben besonders in der Ostschweiz die Ernten aus. Auch die reichsten Kornländer Mitteleuropas ernteten kärglich, nur für den eigenen Bedarf. Die blutigen napoleonischen Feldzüge nach der Französischen Revolution hatten zudem innert 20 Jahren die Vorratshäuser geleert und auch zu einer Krise im hiesigen Textilgewerbe geführt, das den Bauern neben der Landwirtschaft dank Spinnen und Weben zusätzlichen Verdienst gebracht hatte. Lebensmittel wurden gehortet, Spekulanten und Wucherer trieben die Preise immer höher, bald waren Hauptnahrungsmittel nur noch zu ungeheuren Preisen zu haben. Die umliegenden Länder sperrten den Getreideexport: «Bald durfte kein Korn den Bodensee herüber nach Rorschach fahren, kein Korn mehr auf dem zweiten Markt in Überlingen geholt werden. Man hat sogar schon bewaffnete Schiffe von deutscher Seite auf dem See herumfahren machen, um allen Schleichhandel zu verhindern. Rorschach, der grosse, schöne Flecken am Bodensee, ist der grosse wöchentliche Kornmarkt für einen grossen Teil der östlichen Schweiz», schrieb 1818 ein anderer Zeitzeuge, der St. Galler Prediger Peter Scheitlin.

Krankheit und Tod wegen Hunger

Das Jahr 1817 begann still. Im Lande herrschten weiterhin Mangel, Hunger, Verdienstlosigkeit, Elend. Die Teuerung stieg ins Unermessliche, immer mehr Arbeitslose wurden zu Bettlern und suchten verzweifelt Nahrung. Der Hunger führte zu Krankheiten und Tod. Die einzige Hoffnung fand sich in den Anzeichen auf eine baldige gute Ernte, doch die Monate Juni und Juli brachten für Tausende von Menschen weitere schreckliche Tage. Unwetter und eine unerwartet rasche Schneeschmelze in den Bergen liessen den Rhein anschwellen. Grosse Teile des Rheintals und insbesondere das Dorf Altenrhein wurden überflutet, in Rorschach drang der See in das Kornhaus. In diesen beiden Monaten wurden in den Kantonen St. Gallen und Appenzell in den Totenbüchern die meisten Todesfälle der Hungersnot «wegen Entkräftigung, wegen schlechter Ernährung, an Hunger» verzeichnet. Die Rorschacher selbst litten etwas weniger unter der Krise, da sie dank des Kornmarkts nie ganz von der Versorgung abgeschnitten waren. Und doch herrschte Not. «Am Kornmarkt wohnend, vermochten Tausende kein Brot zu kaufen. Jeder Kornmarkt oder Donnerstag war ein Tränen- und Schreckenstag bis zum 21. August 1817», schrieb Scheitlin.

Die Ernte 1817 fiel, wie erhofft, gut aus, besonders in Süddeutschland. Sie beendete die Hungersnot, die sich noch lange im Gedächtnis des Volkes hielt. Die Preise der Lebensmittel fielen, die Grenzen waren wieder offen. Immer mehr beladene Schiffe kamen in Rorschach an. Mit dem Bau der Eisenbahnen nahm die Getreide-Schifffahrt auf dem Bodensee ab, das Kornhaus behielt aber seine Bedeutung als Handelsplatz bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Quellen

Zollikofer: «Der Osten meines Vaterlandes»; P. Scheitlin: «Meine Armenreisen», L. Specker: «Rorschach im 19. Jhdt».