KONZENTRATIONSLAGER: Singen mitten im Grauen

Auch in den Vernichtungslagern der Nazis wurde gesungen und komponiert. Am Samstag sind im Stadthaus Lieder und Gedichte von KZ-Häftlingen zu hören.

Roger Berhalter
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Männerchor im Konzentrationslager: Auch Musik war damals Teil des Alltags. (Bild: Bildarchiv Pisarek/AKG Images (Theresienstadt, um 1943))

Männerchor im Konzentrationslager: Auch Musik war damals Teil des Alltags. (Bild: Bildarchiv Pisarek/AKG Images (Theresienstadt, um 1943))

Roger Berhalter

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@tagblatt.ch

Musik und Auschwitz, diese beiden Begriffe bringt man auf Anhieb kaum zusammen. Und doch gehörte im gleichnamigen Konzentrationslager des Zweiten Weltkriegs auch die Musik zum Alltag – neben Tod, Gewalt und Schwerstarbeit. In Auschwitz war dies ebenso der Fall wie in anderen Arbeitslagern der Nazis. Es gab Lagerkapellen, die Märsche spielten, wenn die Häftlinge zur Arbeit ausrückten. So berichtet es der polnisch-französische Komponist Simon Laks (1901–1983), der in Auschwitz interniert war und das Lagerorchester leitete. Gespielt wurden «lustige Märsche, und man verfolgte mit ihnen das Ziel, die Häftlinge zur Arbeit und zur ‹Lebenslust› zu ermuntern, gemäss dem Motto des Lagers: ‹Arbeit macht frei›», schreibt Laks im Buch «Musik in Auschwitz».

Die Erinnerung an damals wachhalten

Eva Crottogini erinnert sich noch gut daran, wie sie als junge Frau Auschwitz besuchte. «Eine Führung durch dieses Konzentrationslager lässt niemanden kalt, das berührt einem ein Leben lang», sagt die St. Gallerin. Am kommenden Samstag organisiert Crottogini im Stadthaus einen Abend «Gegen das Vergessen», zusammen mit der Berliner Raff-Foerderreuther-Stiftung und der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft (siehe Infobox).

Der Name ist Programm. Die Lieder und Gedichte von KZ-Insassen sollen die Erinnerung an das Grauen der Nazis wachhalten. «Diese schreckliche Zeit darf nicht hinter dem Schleier des Vergessens verschwinden», sagt Crottogini. Diese Gefahr bestehe durchaus in unserer schnelllebigen Zeit, in der eine Schreckensmeldung die nächste jage, und in der man heute kaum noch wisse, was gestern in den Nachrichten gewesen sei. «Man geht auch wieder unsensibler mit den sprachlichen Begriffen der Nazis um.» Deshalb sei das Wissen über damals wichtiger denn je. Crottogini hat auch grossen Respekt vor den KZ-Künstlern: «Die Häftlinge hatten unter widrigsten Umständen noch die Kraft, Kunst zu produzieren.»

Im Schuppen eingemauerte Gedichte

Es ist happige Kost, die am Samstag im Stadthaus serviert wird. Zu hören sind auch Lieder und Gedichte der Kinderbuchautorin Ilse Weber (1903–1944). Sie schrieb sie für ihre Mithäftlinge im KZ Theresienstadt und für die Kinder, die sie dort als Krankenschwester pflegte. Im Gegensatz zum Musiker Simon Laks überlebte Weber die Lagerzeit nicht und wurde in Auschwitz ermordet. Kurz vor ihrem Transport zu den Gaskammern konnte ihr Mann die Gedichte aber noch im Boden eines Geräteschuppens einmauern. Nach dem Krieg kehrte er zurück und barg die Texte. Crottogini: «Es sind einfache Lieder, aus denen die Trauer einer Heimatlosen spricht.»