Konsonanten vom Afrikahorn

Tigrinya heisst die eritreische Sprache, die auch in der Schweiz oft zu hören ist. Tirag Fisehaye erklärte am Dienstag die verwirrende Schreibweise. Und erzählte, was ihn in der Schweiz irritiert: «Hier packt jeder sein eigenes Rucksäckli.»

Ralf Streule
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Eritreischer Flüchtling, Anthropologie-Gelehrter, Übersetzer: Tirag Fisehaye stellt die 7mal 33 Zeichen der eritreischen Sprache Tigrinya vor. (Bild: Urs Bucher)

Eritreischer Flüchtling, Anthropologie-Gelehrter, Übersetzer: Tirag Fisehaye stellt die 7mal 33 Zeichen der eritreischen Sprache Tigrinya vor. (Bild: Urs Bucher)

Selten ist die Erfreuliche Universität so sehr ihrem Namen gerecht geworden. In der Schulstube Palace blättert ein Lehrer in Hellraumprojektor-Folien, listet Konjugationen in drei Zeitformen auf. Und spricht Wörter in Tigrinya aus, die die Klasse mit verkrampften Zungen flüsternd nachahmt. Die Klasse: Rund 100 Besucher, die den zweiten Teil des «Sprachenzyklus» von Aida, der Schule für fremdsprachige Frauen in St. Gallen, nicht verpassen wollten.

Texte wie Chromosomen-Folgen

Der Sprachlehrer für diesen Abend ist Tirag Fisehaye aus Eritrea. Vor vier Jahren ist er wie viele seiner Landsleute in die Schweiz geflohen (siehe Kasten). Der anerkannte Flüchtling wuchs in Keren, der zweitgrössten Stadt des Landes, auf und studierte in Eritrea Sozial-Anthropologie. Sein Ziel ist hoch gesteckt: In einer Stunde soll das Publikum einen Einblick erhalten in Tigrinya, «eine der wichtigsten von neun Landessprachen in Eritrea». Fisehaye hat die Zuhörer dank charmantem Deutsch und sympathisch rudimentärer Didaktik schnell für sich eingenommen. Er versucht es zunächst mit einem Gedicht. Auf dem Hellraumprojektor liegt eine Folie mit dem Text in Tigrinya-Schriftzeichen. Einen Laien erinnern die Striche mehr an komplizierte Chromosomen-Folgen als an ein Gedicht.

Neben Arabisch sei Tigrinya heute eine Amtssprache im Land. Und wie Arabisch ist es eine semitische Sprache, klingt etwas melodiöser, beinhaltet aber ebenfalls die für Deutschsprechende schwer zu fassenden Konsonantfolgen.

Lehrer für eritreische Kinder

Nach seiner Ankunft in der Schweiz hat Fisehaye ein Schulpraktikum im Pestalozzi-Kinderdorf in Trogen absolviert. Heute ist er als Übersetzer im Justizvollzug tätig, unterrichtet zudem 13 eritreische Kinder im Schulhaus Spelterini in ihrer Landessprache Tigrinya. Dort unterrichtet er auch die Schrift mit ihren speziellen Eigenheiten.

Weniger Zeit hat er dafür im Palace. 33 Zeichen für 33 Konsonanten bilden das Grundgerüst, erklärt er den Zuhörern. An jedes dieser Zeichen wird eines von sieben verschiedenen Elementen angehängt, die den Vokalen entsprechen. Was dann im Endeffekt «nicht so schwer» sei, sagt Fisehaye. Er zeigt auf Zeichen, spricht die Laute aus. «Knäe, zhäe, phäe.» Lachen, Stirnrunzeln und Kopfschütteln im Publikum. Nicht alle haben es begriffen. Und dennoch ist die erste Annäherung an eine fremde Schrift geschafft. «Tönt schwierig», gibt Fisehaye zu.

Italienischer Einfluss

Besser folgen kann das Publikum bei Erklärungen und Episoden zur Entwicklung der Sprache. Heute gebe es mehrere italienische Begriffe im Tigrinya-Wortschatz, erklärt Fisehaye zum Beispiel. Die Wörter sind während der Italienischen Besetzung im Zweiten Weltkrieg in die Sprache eingeflossen.

Zum Schluss des Vortrags geht es um sprachliche Finessen, mit denen viele Eritreer in der Schweiz zu kämpfen hätten. Da sei einerseits die Crux mit den drei Artikeln. Dann die andere Satzstellung: Viele seiner Landsleute würden sich schwer tun, nicht «Ich Buch lese» zu sagen, was ihrem Sprachgefühl entspreche.

Schwierig seien für viele aber auch die kulturellen Unterschiede. Lange habe er nicht begriffen, warum in der Schweiz für einen Ausflug jeder seinen eigenen Rucksack packe mit seinem persönlichen Zmittag. Es sei ein gewichtiger Unterschied zu Eritrea, meint Fisehaye schmunzelnd: «Hier in der Schweiz muss man alleine essen.»