Kongressmarkt ist hart umkämpft

ST.GALLEN. Mehr Geld für mehr Kongress – nach diesem Grundsatz will die Stadt den Standort St.Gallen fördern. Tourismus-Experte Andreas Deuber sieht für die lancierte Kongressstrategie echte Chancen – aber auch Grenzen.

Elisabeth Reisp
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So grosse Veranstaltungen wie den Brustkrebs-Kongress wird St. Gallen nicht mehr gewinnen können. (Archivbild: Urs Jaudas)

So grosse Veranstaltungen wie den Brustkrebs-Kongress wird St. Gallen nicht mehr gewinnen können. (Archivbild: Urs Jaudas)

St.Gallen soll eine Kongressstadt werden. Da dies nicht ohne Aufwendungen möglich ist, plant die Stadt, in den nächsten fünf Jahren 500 000 Franken in den Kongressstandort zu investieren. So weit, so gut. Sind Kongresse aber tatsächlich die Zukunft des städtischen Tourismus?

Mehr Wertschöpfung

St.Gallen-Bodensee Tourismus glaubt fest daran. Kongresse seien für den Tourismus und für tourismusnahe Leistungsträger von entscheidender Bedeutung, hält der Tourismusverein auf Anfrage fest. Gemäss St.Gallen-Bodensee Tourismus erbringt ein Kongressgast 475 bis 600 Franken an Wertschöpfung pro Tag. Ein Kultur- oder Freizeittourist hingegen nicht einmal die Hälfte davon. Überdies würden geschätzt 70 bis 80 Prozent der Hotelübernachtungen in der Gallusstadt von Geschäftstouristen generiert. Durchschnittlich bleibt ein Tourist – ob geschäftlich oder privat unterwegs – 1,9 Nächte in St.Gallen.

Zudem seien für St.Gallen-Bodensee Tourismus Kongresse insofern ein wichtiger Werbeträger, als sie Gäste in die Stadt bringen würden, die den Weg nach St.Gallen sonst nicht gefunden hätten.

Andreas Deuber Leiter a. i. Institut für Tourismus und Freizeit an der HTW Chur (Bild: pd)

Andreas Deuber Leiter a. i. Institut für Tourismus und Freizeit an der HTW Chur (Bild: pd)

Höchstens gute C-Destination

Der Tourismus-Experte Andreas Deuber von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur begrüsst die Kongressstrategie der Stadt: «Grundsätzlich ist der Kongressmarkt äusserst attraktiv, allerdings auch hart umkämpft.»

Deuber sieht echte Chancen für St.Gallen, eine etablierte Kongressstadt zu werden. Fügt jedoch ein Aber an. «St.Gallen wird nie eine Kongressstadt der Kategorie A.» Diese Weihen seien Wien, Frankfurt oder Rom vorbehalten. St.Gallen müsste sich durch Alleinstellungsmerkmale einzigartig machen. Dann aber könnte sie eine gute C-Destination werden, lautet die Einschätzung von Deuber.

Am gleichen Strang ziehen

St.Gallen-Bodensee Tourismus richtet seine Strategie auf chinesische Touristen aus. Die Stadt will nun mit Finanzspritzen den Kongressstandort fördern. Ein Widerspruch? «Im Gegenteil», sagt Deuber. Ein Mix aus Geschäfts -und Freizeittourismus könne sehr interessant sein. Würden Kongresstermine mit der Reisesaison abgestimmt, könnte eine gute Auslastung der Hotels über das ganze Jahr erreicht werden. Luzern beispielsweise habe diese Kombination geschafft. «Wichtig ist allerdings, dass Tourismusverein und Stadt am gleichen Strang ziehen. «Im Idealfall arbeiten die Organisationen eng zusammen.» Dies hat die Stadt bereits gemacht: St.Gallen-Bodensee Tourismus, Olma Messen, Standortförderung von Stadt und Kanton, Hotelierverein, Universität und Pro City haben in einer Arbeitsgruppe eine Strategie erarbeitet. Nach Einschätzung Deubers sollte das Kantonsspital allerdings auch eingebunden werden.

St. Gallen bleibt Nischenanbieter

Statt wie bisher etwa 70 000 Franken will die Stadt in den nächsten fünf Jahren gesamthaft 500 000 Franken in den Kongressstandort investieren. Ob es sinnvoll ist, im Giesskannenprinzip Gelder für die Stärkung des Kongressstandortes auszuschütten? Deuber findet: Ja. «Die Städte, in denen sich Kongresszentren befinden, profitieren stark von deren Sekundärnutzen bei Hotellerie, Transportwesen und Einzelhandel.» Dadurch rechtfertige es sich, dass in einem gewissen Ausmass Steuergelder eingesetzt werden.

Damit St.Gallen aber ein Kongressstandort werden könne, müssen gemäss Deuber Kongress und Messe Hand in Hand gehen. Ansonsten wäre es viel zu teuer.

St.Gallen habe durchaus das Zeug, eine feste Adresse für kleine und mittlere Kongresse zu werden, lautet das Fazit des Tourismus-Experten. «Die Stadt wird aber ein Nischenanbieter bleiben.»