KOMÖDIE: Zwangsjacken für die Normalen

Die Mitglieder der Theatergruppe Spielwitz verschlägt es in der 29. Saison in eine psychiatrische Anstalt. Die Generalprobe fand wie immer vor besonderem Publikum statt.

Laura Widmer
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Agnes (rechts) wird gespielt von Selina Küng, die Rolle ihrer Mutter (im roten Kleid) spielt Edith Mühlmann. (Bild: Ralph Ribi)

Agnes (rechts) wird gespielt von Selina Küng, die Rolle ihrer Mutter (im roten Kleid) spielt Edith Mühlmann. (Bild: Ralph Ribi)

Laura Widmer

laura.widmer@tagblatt.ch

Die Vorstellung des Theaters Spielwitz beginnt schon, bevor die Besucher im Saal des OZ Mühlizelg in Abtwil Platz genommen haben. Der fiktive Schlagerstar Harry Hammer, mit blonder Perücke und glitzerndem Jackett, hält ein Ständchen. Es wird geklatscht und geschunkelt wie im Musikantenstadel. Sogar Autogrammkarten sind erhältlich.

Die Generalprobe des Theaters Spielwitz findet seit 16 Jahren vor Mitgliedern von Procap statt, einem Verband für Menschen mit Behinderung. Für sie ist die Vorstellung kostenlos und in der Pause werden Kaffee und Kuchen serviert. «Es ist jedes Mal ein schöner Abend», sagt Silvia Giger, Präsidentin von «Spielwitz» und Schauspielerin. Dieses Publikum gehe anders mit, und die Reaktionen auf das Geschehen auf der Bühne seien direkter. Die Hälfte des Saals ist leer, damit die Rollstühle genug Platz finden. Die Teilnehmerzahl variiert von Jahr zu Jahr, für diesen Abend sind 50 Personen angemeldet.

Zum zweiten Mal nach 2015 führt David Bühler Regie. Er ist selbst ausgebildeter Schauspieler und weiss, wie wichtig die Generalprobe ist. «Es braucht sie, um sich an Publikum zu gewöhnen», sagt Bühler. Die Stimmung auf der Bühne sei vor einem Auftritt anders und die Anspannung bei den Schauspielern steige. Das mache auch vor den erfahrenen Mitgliedern nicht halt. «Die alten Hasen sind so nervös wie die Jungen», sagt Bühler. Deshalb sei eine Bühnenbegehung wichtig. So werden einzelne Positionen auf der Bühne noch einmal angepasst und der Raum könne «bespielt» werden. Nach der Generalprobe gebe es nur noch ein kurzes Feedback. «Die Schauspieler wissen meist selber, was sie noch verbessern müssen», sagt der Regisseur. Geprobt wird seit den Sommerferien, anfangs einmal wöchentlich, später häufiger. Es sei ein Hobby, sagt Silvia Giger, aber ein intensives.

Ein neurotisches Haus mit Staubsauger Leo

Aufgeführt wird dieses Jahr «Nöd ganz hundert», ein Stück von Winnie Abel. Darin lebt Agnes Adolons, Tochter aus einer reichen Hoteldynastie, in der offenen Wohngruppe einer Psychiatrie. Als spontan ihre nichts ahnende Mutter zu Besuch kommt, sollen die Mitbewohner aus Agnes’ Psychiatriewohngruppe versuchen, wie gewöhnliche Menschen zu wirken. Der zwangsneurotische Hans mimt Agnes’ Lebenspartner, die wahnhafte Marianne wird als Haushälterin ausgegeben, die manisch-depressive Künstlerin Desirée wird zur Freundin des Hauses und der menschenscheue Willi spielt den Hausmeister – ein Plan, der erwartungsgemäss nicht aufgehen kann. Immer mehr ungebetene Gäste tauchen in der Wohngemeinschaft auf und plötzlich stecken jene in der Zwangsjacke, welche bisher als völlig normal galten. Der neurotische Hans, der mit aller Macht seine Bundfalten vor dem Zerknittern retten will oder seinen Staubsauger liebevoll Leo nennt, scheint keineswegs seltsamer als Agnes’ überhebliche Mutter, die ihre Tochter in der Anstalt besuchen will. Das Stück sei eine Komödie, die zum Nachdenken anrege, sagt Silvia Giger. Der Zuschauer müsse sich die Frage stellen: Was bedeutet es überhaupt, normal zu sein?

Tourneedaten

Heute Samstag, 20 Uhr, OZ Mühlizelg Abtwil; Freitag, 24. und Samstag, 25. März, 20 Uhr, Adlersaal Mörschwil. Weitere Termine und Vorverkauf: www.spielwitz.ch