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KOMMENTAR ZUR BAHNHOFSUHR: Ein Kunstwerk darf auch ärgern

Während einige die neue St.Galler Bahnhofsuhr als "Geldverschwendung" kritisieren, loben andere den Mut der Macher zu etwas Überraschendem. Wieso das Kunstwerk dennoch gelungen ist, schreibt Odilia Hiller, Chefredaktorin der "Ostschweiz am Sonntag", im Kommentar.
Odilia Hiller
Die Zeit richtig lesen: Die leuchtenden Stunden, Minuten und Sekunden müssen an der neuen Uhr am St.Galler Bahnhof für die Zeitangabe addiert werden. (Bild: Urs Bucher)

Die Zeit richtig lesen: Die leuchtenden Stunden, Minuten und Sekunden müssen an der neuen Uhr am St.Galler Bahnhof für die Zeitangabe addiert werden. (Bild: Urs Bucher)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

«Wir Schriftsteller, Maler, Bildhauer, Architekten und leidenschaftlichen Liebhaber der bisher unangetasteten Schönheit von St. Gallen protestieren im Namen des verkannten Schweizer Geschmacks mit aller Kraft gegen die Errichtung der unnötigen und ungeheuerlichen binären Uhr im Herzen unserer Hauptstadt, die die oft vom gesunden Menschenverstand und Gerechtigkeitsgefühl inspirierte Spottlust der Volksseele schon den Turm zu Babel getauft hat.»

Der Wortlaut des obigen Manifests stammt – Sie ahnen es – nicht aus einer aktuellen Meldung. Es ist der erste Satz einer von namhaften Persönlichkeiten veröffentlichten Protestschrift, die am 14. Februar 1887 in der französischen Zeitung «Le Temps» erschien. Bis auf die eingefügten Wörter «St. Gallen», «Schweizer» und «binäre Uhr» natürlich. Anstelle derer stand dort: «Paris», «französisch» und «Eiffelturm». Es war kurz nach Baubeginn des heutigen französischen Wahrzeichens, als mit den Intellektuellen und einem Teil der Volksseele die Pferde durchgingen. Sie empfanden den Bau eines vollkommen sinnfreien Eisenturms als persönliche Beleidigung.

Ähnlich tönt es zurzeit in den Diskussionen um die neue St. Galler Bahnhofsuhr, ein Kunstwerk von Norbert Möslang. Kreuze, «Rundumel» und Quadrate leuchten vom neuen Kubus über der Wartehalle auf den neuen Bahnhofplatz: Eine binäre Uhr soll es sein, die irgendwie die Zeit anzeigt. Kritiker regen sich masslos auf über die «Geldverschwendung» im Namen der Steuer­zahler, während die Liebhaber der neuen Uhr den Mut der Macher zu etwas Überraschendem, Neuem loben.

Es ist schön– und ein Zeichen, welches der Stadt jetzt schon recht gibt –, dass die Kunst am Neubau des Hauptbahnhofs Emotionen weckt. Denn: Was wäre die Alternative gewesen? «Der langweiligste Bahnhof der Schweiz», «Eine Neugestaltung ohne jeden Charme», «Gähnende Langeweile auf dem neuen Bahnhofplatz». So hätte das schon bald geklungen, wären da nicht noch die Kreuze und Rundumel hinzugekommen.

Also: Wer den Eiffelturm jetzt und heute noch wegwünscht, werfe den ersten Stein gegen die neue Bahnhofsuhr. Ein modernes Kunstwerk ist gelungen, wenn es überrascht – und etwas in sich trägt, das radikal neu ist. Alles andere nennt sich Dekoration. Den «Hatern» wünscht man ein bisschen mehr Gelassenheit. Bei allem Verständnis für ihre kurzsichtige Abwehrreaktion: Sie machen die Kunstaktion am Bau nur besser. Denn schon kurz nach der Einweihung des Eiffelturms hiess es in Paris allenthalben stolz: «Jetzt kann Europa zusammenpacken.» Wir sagen: Jetzt können die anderen Bahnhöfe zusammenpacken.

Odilia Hiller

odilia.hiller@ostschweiz-am-sonntag.ch

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