KOMMENTAR: St.Galler Stadtratswahl: Eine Niederlage der CVP wäre historisch

Dass sich Jürg Brunner von der SVP aus dem Rennen um den freien Stadtratssitz genommen hat, ist aus bürgerlicher Sicht nur vernünftig, schreibt Daniel Wirth, Leiter Stadt.

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Sollte Sonja Lüthi (GLP) gewählt werden, wäre der Sturz der CVP aus dem St.Galler Stadtrat historisch. (Bild: Michel Canonica)

Sollte Sonja Lüthi (GLP) gewählt werden, wäre der Sturz der CVP aus dem St.Galler Stadtrat historisch. (Bild: Michel Canonica)

Jürg Brunner nimmt sich aus dem Rennen. Das war zu erwarten, ist freilich aber nicht selbstverständlich. Er hatte in erster Linie kandidiert, weil er der Überzeugung ist, es brauche einen Unternehmer im Stadtrat. Das betonte der SVP-Kandidat bei fast jeder Gelegenheit. Im dezimierten Kandidatenfeld findet sich nach seinem Rückzug kein Unternehmer mehr. Jürg Brunner führte einen intensiven und erfrischenden Wahlkampf, den er zu einem grossen Teil mit Geld aus dem eigenen Portemonnaie bezahlte. Dennoch blieb er mit seinem Resultat am Sonntag unter seinen persönlichen Erwartungen. Dass er sich jetzt zurückzieht, das Feld räumt für Boris Tschirky von der CVP, ist aus Sicht der Bürgerlichen in der Stadt nur eines: vernünftig.

Ohne den Rückzug von Brunner hätte Sonja Lüthi von der GLP im zweiten Wahlgang leichtes Spiel gehabt und die CVP vermutlich aus der Stadtregierung gekippt, weil sich die bürgerlichen Stimmen auf Brunner und Tschirky verteilt hätten. Überflügelt die Grünliberale den CVP-Mann am 26. November tatsächlich, wäre das ein historisches Ereignis: Seit der Stadtverschmelzung anno 1918, also seit 100 Jahren, war die CVP bis zum Tode Nino Cozzios immer mit mindestens einem Mitglied im Stadtrat vertreten.

Das wird Sonja Lüthi wenig kümmern. Dass sie intakte Chancen hat, gewählt zu werden, liegt daran, dass die links-grüne Wählerschaft auf Kosten der bürgerlichen zulegt in der Stadt St.Gallen. Das zeigte sich vor einem Jahr bei den Stadtparlamentswahlen und bei den Wahlen in die Stadtregierung deutlich. Die Blöcke sind gleich gross. Die Kräfte in der Wählerschaft spiegeln sich auch im Stadtparlament: Links-grün und Bürgerliche halten sich oft die Waage. Die Zeiten, als bürgerliche Kandidaten bei Wahlen in den Stadtrat Konkurrentinnen oder Konkurrenten von links der Mitte einfach hinter sich liessen – diese Zeiten sind passé. Will Tschirky den Sitz der CVP im Stadtrat retten, braucht er den Support der SVP, der FDP und der Wirtschaftsverbände.
 

Daniel Wirth