KOMMENTAR: Rechthaber hat's genug, es fehlt der Dialog

Kaum einer hat zum Umzug des Weihern-Festivals in die Grabenhalle und die am Mittwoch startende "Revolution 9000" keine Meinung. Die Fronten sind verhärtet. Lösungen findet man so nicht, schreibt Reto Voneschen, Leiter Stadt St.Gallen, im Kommentar.

Reto Voneschen
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2014 hiess das Festival bei Stahlbergers Auftritt noch "Weihern Unplugged" und das Zuschaueraufkommen war kleiner. (Bild: Urs Bucher/Archiv)

2014 hiess das Festival bei Stahlbergers Auftritt noch "Weihern Unplugged" und das Zuschaueraufkommen war kleiner. (Bild: Urs Bucher/Archiv)

Miteinander reden ist sicher gut. Auf jeden Fall ist es besser als das, was rund ums Weihern-Open-Air-Festival abläuft. Alle, die darüber in den Social Media diskutieren, wissen, was die Stadt und ihre Bevölkerung braucht. Alle wissen, wer versagt hat – natürlich die jeweils anderen. Alle haben Patentrezepte, wie alles besser werden könnte. Alle haben klare Feindbilder und Vorurteile. Und jene, die etwas anderes denken, werden auch einmal verunglimpft – etwa als Bünzli oder als Vertreter der Kommerzkultur. Aus der Stadtpolitik jeglicher Couleur ist dagegen derzeit zum Thema wenig bis nichts zu vernehmen.

Meinungen und Eigeninteressen sind genügend geäussert worden. Was reihum fehlt, scheint die Bereitschaft zum Dialog, zum echten Aufeinanderzugehen. Dass die Anti-Bünzli-Revolution im Stadtpark daran etwas ändern wird, ist zu bezweifeln. Diese Übung ist von der Tonalität her – leider – zu sehr auf Streit, Besserwisserei und Ausgrenzung angelegt. Dabei wird kaum etwas Konstruktives herausschauen. So wäre es keine Überraschung, wenn die, die eine andere Meinung als die Organisatoren haben, nicht im Park auftauchen würden. Und dass die, die kommen, es tun, um es den anderen im Diskurs zu zeigen. Was auf die Fortsetzung der Social-Media-Rechthaberei hinausläuft.

Auf diesem Weg ist die Sackgasse programmiert: Nach einem kurzen Aufflammen der Debatte wird das Interesse bald erlahmen. Ausser Missmut, einem Imageschaden für die Kulturstadt und einer Verhärtung der Positionen wird das Ganze nichts gebracht haben. Bis zum nächsten absehbaren Krach über eine Bewilligung … Ein öffentlich transparenteres und damit glaubwürdigeres Bewilligungsverfahren für Anlässe im öffentlichen Raum ist so nicht zu erwarten. Ein solches wäre aber nötig, und zwar nicht erst seit dem Theater ums Weihern-Open-Air-Festival. Darüber wird mit Unterbrüchen seit Jahrzehnten diskutiert. Und darüber, dass «etwas gehen sollte», ist man sich quer durch die Kultur- und Eventszene ja einig.

Dass der Stadtrat sich seit einiger Zeit Gedanken übers Bewilligungsverfahren für öffentliche Anlässe macht, ist lobenswert. Es wäre aber schön, wenn dieser Prozess nicht im Zeitlupentempo ablaufen und bald Resultate zeitigen würde. Nützlich wäre zudem, wenn bei Vorliegen von Resultaten öffentlich informiert würde. Schwung in die Überarbeitung des Verfahrens bringen könnte zudem eine grosse öffentliche Debatte, wohin die Veranstaltungsstadt St. Gallen steuern soll. Da gibt es ein grosses Feld für politische Aktivitäten. Es bräuchte jetzt aber Leute aus der Politik, die bereit wären, die damit verbundene beträchtliche Arbeit an die Hand zu nehmen.