KOMMENTAR: Eine Chance verpasst

Die St.Gallerinnen und St.Galler sagen klar Nein zu einem Tageshort auf der Sömmerliwiese. Daniel Wirth, Leiter der Tagblatt-Stadtredaktion, schreibt in seinem Kommentar, die Stimmberechtigten hätten eine Chance für den Ausbau von Tagesstrukturen an Schulen verpasst.

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Der östliche Rand der Sömmerliwiese mit dem ausgesteckten Projekt für einen neuen Tageshort. Die Umrisse wurden vom Initiativkomitee mit Hilfe des städtischen Vermessungsamtes ausgelegt. (Bild: Calvin Mattes/pd)

Der östliche Rand der Sömmerliwiese mit dem ausgesteckten Projekt für einen neuen Tageshort. Die Umrisse wurden vom Initiativkomitee mit Hilfe des städtischen Vermessungsamtes ausgelegt. (Bild: Calvin Mattes/pd)

Das deutliche Resultat der Abstimmung über die Initiative zum Schutz der Sömmerliwiese zeigt vor allen Dingen eines: Den Stadtsanktgallern sind grüne Flächen wichtig. Selbst den Bau eines Tageshorts für 180 Kinder auf einem Fünftel der Sömmerliwiese mag es da offensichtlich nicht leiden. Den Initianten ist es gelungen, ihr Anliegen über die Quartiergrenzen hinauszutragen und beim Stimmvolk zu platzieren: Grüne Wiesen in der Stadt sind wertvoll und müssen vor der Überbauung bewahrt werden.

Dieses nachvollziehbare Argument hat am Abstimmungssonntag gezogen. Trotzdem: Die Wählerinnen und Wähler haben eine Chance verpasst – den Bau eines modernen, grosszügigen Tageshorts. Der Ruf nach dem Ausbau der Tagesstrukturen an den Schulen ist ein lauter und oft gehörter. Im Stadtparlament machen sich Politikerinnen und Politiker jedwelcher Couleur für zusätzliche Plätze in städtischen Tageshorten stark. Die Kinder mittelständischer Familien, bei denen beide Elternteile arbeiten und Geld verdienen wollen oder müssen, sollen von kompetenten Fachleuten in ansprechenden Räumen betreut werden. Der Stadtrat wollte auf der Sömmerliwiese solchen Raum schaffen; er hat mit dem Ja zur Initiative eine klare, herbe Niederlage einstecken müssen. Und die Stimmberechtigen der Stadt, die sich als fortschrittlich und urban bezeichnen, haben mit dem Schutz der Sömmerliwiese eine Chance verpasst.

Schuldirektor Markus Buschor muss sich den Vorwurf gefallen lassen, das Lachen-Quartier mit dem Bauvorhaben überrumpelt zu haben. Diesen Fehler hat er im Abstimmungskampf eingestanden. Apropos Abstimmungskampf: Was die IG Sömmerliwiese geschafft hat, nämlich Wählerinnen und Wähler mobilisieren und überzeugen zu können, haben die politischen Parteien verpasst. Politische Arbeit hört nicht im Saal des Waaghauses auf. Politikerinnen und Politiker, denen der Ausbau von Tagesstrukturen an Schulen mehr sind als Lippenbekenntnise und Wahlkampfpropaganda, hätten sich eingesetzt gegen die Initiative und für den Gegenvorschlag, der im Stadtparlament breite Zustimmung fand. Davon war wenig bis nichts zu spüren.

Daniel Wirth
daniel.wirth@tagblatt.ch

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