Kommentar: Das Auto wird nicht verteufelt

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Daniel Wirth (Bild: Ralph Ribi)

Daniel Wirth (Bild: Ralph Ribi)

St. Galler fahren häufiger mit dem Auto und seltener Velo oder Bus als die Bewohner der anderen fünf grossen Deutschschweizer Städte. Das hat seinen Grund: die Topografie. Zürich, Bern, Basel, Luzern und Winterthur haben eine ganz andere als St. Gallen, das lang gezogen zwischen zwei Hügelketten liegt. Wer vom Wildpark Peter und Paul auf der Kuppe ob Rotmonten mit dem Velo nach St. Georgen fahren will, muss eine gute Kondition haben. Das geht mit dem Auto bequemer. Und wer vom Neudorf mit dem Auto zum Kybunpark fährt, braucht auf der Autobahn viel weniger lang, wie wenn er den Stadtbus nimmt.

Daran änderte auch der Ausbau des öffentlichen Verkehrs und besser ausgebaute Velospuren nur bedingt etwas. An beidem arbeitet die Stadt. Auch wenn sie gerne für kurze Strecken ins Auto steigen: Die St. Gallerinnen und St. Galler sind keine ÖV-Muffel. Im Vergleich mit 2010 sind 2015 deutlich mehr Menschen in St. Gallen mit dem Bus, der Bahn oder dem Postauto unterwegs gewesen. Das lässt den Schluss zu: Das ÖV-Angebot ist gut. Klar: Verbesserungspotenzial gibt’s immer. Im Vergleich mit den anderen Städten hat St. Gallen sehr viele ÖV-Haltestellen, aber im Fahrplan vergleichsweise ganz wenige Takte unter fünf Minuten. Das ist ein Manko.

Mit dem Reglement für eine nachhaltige Verkehrsentwicklung hat St. Gallen seit 2010 ein von der Mehrheit der Stimmberechtigten angenommenes Instrument, um die Mobilität zu regulieren. Der motorisierte Individualverkehr wächst seither nur marginal. Genau das will die Mehrheit der Bevölkerung so. Autos werden in St. Gallen nicht verteufelt. Ganz im Gegenteil: Sonst würden sie ja nicht so häufig gefahren. Dennoch: Die Mobilitäts-Initiative, die das Verkehrsreglement aufweichen will, dürfte von der Mehrheit der St. Galler abgelehnt werden.

Daniel Wirth
daniel.wirth@tagblatt.ch