Kleine Fische im Spendenmarkt

Ihre Konkurrenz sind grosse Hilfswerke und nationale Sammelaktionen mit riesigem Werbebudget: Lokale Hilfswerke, von denen es in der Stadt Dutzende gibt. Auf der Suche nach Spenden setzen sie meistens auf den Bekanntenkreis.

Tobias Hänni
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«Es lief harzig»: Das Solidaritätsnetz Ostschweiz verkaufte in der Altstadt Suppe und Tee. (Bild: Urs Bucher)

«Es lief harzig»: Das Solidaritätsnetz Ostschweiz verkaufte in der Altstadt Suppe und Tee. (Bild: Urs Bucher)

An Standaktionen in der Altstadt wird Geld für sauberes Trinkwasser in Afrika und Schulen in Indien gesammelt. Der Briefkasten quillt über mit Broschüren, die um Geld für Gehörlose oder die Rettung des Regenwaldes bitten. Und aus dem Fernseher blicken einen abgemagerte Kinder mit traurigen Augen an und bitten um Spenden für Nahrungsmittel. Weihnachtszeit ist die Hochsaison für Hilfswerke. Stichwort Heks-Kampagne: «Schenken Sie ihrer Schwiegermutter eine Ziege.» Doch angesichts der erschlagenden Präsenz national tätiger Organisationen geht fast vergessen, dass es auch zahlreiche gemeinnützige Vereine auf lokaler Ebene gibt, die auf Spenden angewiesen sind.

«Grosse stärker berücksichtigt»

Da ist zum Beispiel das 2004 gegründete Solidaritätsnetz Ostschweiz. Vier Tage hat der Verein, der sich im Asylwesen engagiert, diese Woche in der Altstadt Suppe und Tee verkauft, um mit dem Erlös Flüchtlingen Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Mit mässigem Erfolg. «Es war harzig», sagt Josef Wirth, Mitglied der Koordinationsgruppe. «In der Vorweihnachtszeit sind viele Leute gestresst und hetzen vorbei.»

Komme hinzu, dass grosse Organisationen dank hohem Werbebudget sehr viel mehr Publizität erreichten. «Dadurch werden sie von den Spendern stärker berücksichtigt», sagt Wirth. Allerdings, fügt er an, seien Standaktionen für das Solidaritätsnetz nicht «überlebenswichtig». So erhält die Organisation einen Grossteil ihrer Gelder von Mitgliedern und von Kirchgemeinden.

Mund-zu-Mund-Propaganda

Auch der Verein «Aktion Wunschzettel» kann nicht auf grosse Werbekampagnen setzen, sondern ist auf Spenden aus dem Bekanntenkreis angewiesen. In Zusammenarbeit mit dem Sozialamt der Stadt organisiert er seit 2009 jede Weihnachten Geschenke für sozial benachteiligte Kinder. Über ein Marketingbudget verfügt der Verein nicht, Werbemittel werden von regionalen Unternehmen gesponsert. «Wir sind auf Medien und Mund-zu-Mund-Propaganda angewiesen», sagt Adrian Zehnder, der den Verein zusammen mit seiner Frau gegründet hat.

Der Vorteil der schlanken Verwaltung: «Bei uns gehen sämtliche Spenden an die Kinder. Das ist in den Statuten festgelegt», sagt Zehnder. Damit unterscheide sich das Projekt von grösseren Hilfswerken, bei denen «fünf bis 15 Prozent in Werbung und administrative Aufgaben fliessen». Zehnder sieht lokal tätige Hilfswerke noch in einem anderen Punkt im Vorteil: «Wir unterstützen Benachteiligte hier in der Stadt. Es ist deshalb leichter nachvollziehbar, wohin das Geld fliesst, als bei einem Hilfsprojekt im Ausland.»

Zehnder und seine Frau führen den Verein bislang ehrenamtlich. Doch sollte die Aktion weiter wachsen, würde der Aufwand möglicherweise zu gross, um ihn neben einer Vollzeitanstellung bewältigen zu können. In diesem Fall werde der Verein wohl auch ein Gesuch für das Zewo-Gütesiegel prüfen, mit dem vertrauenswürdige Hilfswerke ausgezeichnet werden (Kasten). Bislang ist das aber zu teuer. «Ich habe das abgeklärt. Nur schon die Vorprüfung würde mehr als die Hälfte unseres Jahresbudgets kosten», sagt Zehnder. Zudem wolle er nicht jährlich einen gewissen Prozentsatz der Spenden in Form von Jahresgebühren «zweckentfremden».

«Keine Jagd nach Spendern»

Beim Stadtsanktgaller Verein Adico, der in Kolumbien Schulen aufbaut und unterstützt, schaut man ebenfalls darauf, dass die Spenden dort ankommen, wo sie gebraucht werden. «Wir haben sehr tiefe Verwaltungskosten. Etwa für den Briefversand», sagt Blanca Eisenring. Der Verein sammelt im kleinen Kreis Geld. Hin und wieder gibt es ein Legat, wenn eines der Mitglieder stirbt. «Wir gehen nicht auf Jagd nach Spendern», sagt Blanca Eisenring, die selber täglich «Bettelbriefe» im Briefkasten hat. «Gestern waren es zehn Stück.» Die Fülle an Spendenaufrufen mache es «wahnsinnig schwierig», sich für eine Aktion zu entscheiden. «Alle kann man ja nicht unterstützen.»