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KLASSIK: Musizieren und Politisieren

Eva Crottogini (SP) und Karl Schimke (FDP) sind beide Berufsmusiker und sitzen seit einem Jahr im Stadtparlament. Ein Gespräch über die Parallelen von Musik und Politik und übers Spät-ins-Bett-Gehen.
Roger Berhalter
«Es braucht das Cello ebenso wie die Tuba»: Eva Crottogini und Karl Schimke debattieren engagiert, nicht nur im Stadtparlament. (Bild: Michel Canonica)

«Es braucht das Cello ebenso wie die Tuba»: Eva Crottogini und Karl Schimke debattieren engagiert, nicht nur im Stadtparlament. (Bild: Michel Canonica)

Roger Berhalter

roger.berhalt

er@tagblatt.ch

Es ist erst neun Uhr morgens, doch Sie sind schon bereit für ein Interview. Sind Sie als Musiker auch sonst schon wach um diese Zeit?

Crottogini: Warum stehen Musiker um sechs Uhr auf? Weil um sieben Uhr die Läden schliessen. Aber im Ernst: Diese Zeiten sind vorbei. Der Konkurrenzdruck ist hoch, auch Musiker müssen heute diszipliniert sein.

Schimke: Bei einem Auftritt mit dem Sinfonieorchester stehe ich unter Hochspannung. Danach brauche ich Zeit, um herunterzufahren, und komme deshalb später ins Bett. Aber das echte Leben holt mich oft ein. Weil meine Tochter früh in die Schule muss, stehe auch ich schon morgens kurz vor sechs auf.

Seit einem Jahr politisieren Sie als Musiker im Stadtparlament. Gibt es Parallelen zwischen Musik und Politik?

Schimke: Ja. Manchmal merke ich in einer Probe unseres Brass-Quintetts, dass es verschiedene Meinungen gibt, wie ein Stück zu spielen sei. Dann beginnt sozusagen die politische Arbeit. Man diskutiert und argumentiert, bis man zu einer Interpretation findet, die man gemeinsam vertreten kann.

So weit, so demokratisch. In einem Orchester herrscht aber doch eher Diktatur?

Crottogini: Ja, ein Orchester ist sehr hier­archisch organisiert. Der Dirigent bestimmt. Nicht so wie im Stadtparlament, wo eine Mehrheit entscheidet.

Schimke: Im Gegensatz zum Dirigenten mischt sich die Parlamentspräsidentin auch nicht in die Diskussion ein, sondern moderiert nur. Von der Grösse her sind die beiden Gremien übrigens vergleichbar: Unser Sinfonieorchester zählt 65 Mitglieder, das Stadtparlament 63.

Wen vertreten Sie im Parlament? Alle Künstler? Alle Musiker?

Crottogini: Ich setze mich für all jene ein, die in der Stadt musikalisch aktiv sind. Das ist eine grosse Gruppe: Chöre, Laienorchester und gerade auch die Musikvereine, deren Engagement man oft zu wenig würdigt. Dabei leisten sie eine wichtige Arbeit für die Gesellschaft. Es sind die Musikvereine, die an Geburtstagsfeiern und am Kinderfest spielen.

Wie wollen Sie sich für die Vereine einsetzen?

Crottogini: Der Musikunterricht muss günstiger werden, die Tarife in der Stadt sind die dritthöchsten im Kanton. Wir sollten den Mut haben, Musik allen zugänglich zu machen. Gerade Menschen mit Migrationshintergrund erreichen wir noch viel zu wenig. Die musikalische Erziehung ist sehr wichtig und rechnet sich langfristig. Das beweisen viele Studien, die von der Politik übrigens konsequent ignoriert werden.

Wen vertreten Sie, Herr Schimke? Alle Berufsmusiker?

Schimke: Nein, ich würde das viel allgemeiner fassen. Ich setze mich dafür ein, dass die Menschen aktiv gestalten. Das beschränkt sich nicht auf die Musik, den Gestaltungsunterricht finde ich ebenso wichtig. In irgendeiner Form kreativ aktiv zu sein, ist wichtig in unserer Internet-Gesellschaft, in der man oft nur am Konsumieren, am Empfangen, am Streamen ist.

Sie sind beim Theater angestellt, einer hochsubventionierten Institution. Wie verträgt sich das mit Ihrem Engagement in einer freisinnigen, staatskritischen Partei?

Schimke: Sehr gut! In der FDP sind Kulturinstitutionen sehr breit abgestützt. Schliesslich sind Theater und Museen aufgrund von bürgerlicher Initiative entstanden. Die FDP sieht diese Kulturbetriebe auch als Standortfaktor. Firmen lassen sich nicht zuletzt deshalb in der Stadt nieder, weil sie ein so reiches Kulturleben bietet.

Frau Crottogini, was hat Sie als Neuling im Parlament beeindruckt?

Dass es auf jede einzelne Stimme ankommt. Überspitzt gesagt: Wenn ich einmal krank bin und eine Parlamentssitzung verpasse, kann es sein, dass die Stadt deswegen ein paar Millionen Franken mehr oder weniger ausgibt. Das linke und das rechte Lager unterscheiden sich nur durch einen Sitz, die Mehrheiten sind also so knapp wie nur möglich.

Was hat Sie verblüfft, Herr Schimke?

Wie viel Geld wir ausgeben! (lacht) Gerade die Beiträge ans Theater relativieren sich, wenn man sieht, wie teuer beispielsweise der Strassenbau oder das Fernwärmenetz sind. Es braucht viel Geld, um eine Stadt zu unterhalten. Ich musste mich an die Tatsache gewöhnen, dass ich mit meinem Musikerdasein über Millionen von Franken entscheiden kann. Und ich musste mich daran gewöhnen, dass die Parlamentsdebatte ein Schaulaufen ist.

Wie meinen Sie das?

Schimke: In der Debatte sind die Meinungen meist schon gemacht. Wichtiger ist die vorangehende Diskussion in der Kommission und in der Fraktion. Es kam schon vor, dass ich meine Meinung während einer Parlamentssitzung geändert und anders abgestimmt habe. Das führte zu Diskussionen. Nicht weil ich eine andere Meinung vertrat, sondern weil ich das nicht schon in der Fraktion gesagt hatte. Crottogini: Wenn die Mehrheitsverhältnisse so knapp sind, zählt eben jede Stimme. Nach den Sitzungen in der Bildungskommission höre ich in der Fraktion jeweils noch andere, neue Argumente. Das ist für mich Demokratie: Anderen zuhören, weil es sein könnte, dass ich nicht recht habe.

Welches politische Geschäft hat Sie bis jetzt am meisten geprägt?

Crottogini: Für mich war die Flade-Interpellation wichtig, die ich miteingereicht habe. Sie hat etwas bewirkt: Tatsächlich wurde dadurch ein zuvor vertraulicher Vertrag der Stadt mit dem katholischen Konfessionsteil öffentlich.

Schimke: Ich habe gemerkt, dass wir im Parlament grundsätzlich das Gleiche wollen, nämlich das Beste für die Stadt St. Gallen. Dazu sind unterschiedliche Stimmen und Meinungen nötig. Es ist ähnlich wie im Orchester: Dort braucht es das Cello ebenso wie die Tuba.

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