KLANGRÄUME: Singen ist viel mehr als Gesang

Der St. Galler Musiker Marcello Wick gibt gemeinsam mit dem weltbekannten Christian Zehnder und dem von ihnen gegründeten A-cappella-Chor Partial ein Konzert in der Kirche St. Mangen.

Brigitte Schmid-Gugler
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Der Klangkünstler Marcello Wick leitet gemeinsam mit Christian Zehnder den A-cappella-Chor «Partial». (Bild: Michel Canonica)

Der Klangkünstler Marcello Wick leitet gemeinsam mit Christian Zehnder den A-cappella-Chor «Partial». (Bild: Michel Canonica)

Brigitte Schmid-Gugler

brigitte.schmid

@tagblatt.ch

Neulich im Raum für Literatur in der Hauptpost: Der Musiker Marcello Wick, der die Veranstaltung umrahmt, lässt seine Fingerkuppen über die bauchige Oberfläche seines Schlaginstruments, dem «Hang» ganz ähnlich, gleiten. Klopfend, leise tastend, mit der Handfläche streichelnd, dann trommelnd. Im auf- und absteigenden Volumen fliessen die Klänge in den Raum und zu ihm zurück, der nun mit seiner Stimme in einen Dialog tritt mit den beiden aufeinanderliegenden metallenen Halbschalen. Sein «Singen» ist eine Mischung aus Johlen, Schluchzen, Wehklagen, archaischem An-Rufen. Es fährt einem ohne Umwege ins läbige Herz.

Auf dem Bauernhof wurde viel gesungen

Später im Gespräch wird er den Stimmforscher und Singlehrer Alfred Wolfsohn erwähnen. Dieser hatte an die «universelle Stimme» geglaubt, die er an sich selber, nach den Traumata als Soldat in zwei Weltkriegen und der verlorenen Singstimme, trainiert und wiedergefunden hatte. Auch wenn Marcello Wick in keinem Schützengraben kämpfen musste, reichen seine musikalischen Experimentierfelder weit über herkömmlichen Gesang hinaus. Davon überzeugen konnte man sich etwa, als er in der letzten Spielzeit anstelle des vielbeschäftigten Freundes und musikalischen Wegbegleiters Christian Zehnder im Theater St. Gallen beim «Hamlet» mitmachte. Auch dort gab es diese mystischen Klänge – bis hin zum Obertongesang.

Vor dem Musikstudium hatte er das Lehrerseminar absolviert und dort das Glück gehabt, bei einem Klavierlehrer Unterricht zu erhalten, «der mir eine neue Welt erschloss». Zwar, erzählt Marcello Wick, sei Musik für ihn so selbstverständlich gewesen wie früher einen Kuhrücken zu bürsten. Aufgewachsen ist er in Andwil als jüngstes von neun Kindern. Zwei Brüder wurden Bauern, die Schwestern lernten alle einen sozialen Beruf. «Wir sangen bei jeder Gelegenheit, nach dem Essen, beim Abwaschen, oder auch, wenn man z’Berg ging.» Dorthin, besonders in den Alpstein mit seinen einzigartigen Echoräumen, ziehe es ihn heute noch oft. Die Klänge seiner Kindheit waren die der Volkslieder und der Marschmusik im Dorf – er war Hornist. Von Jazz erfuhr er erst am Seminar. Dort kristallisierte sich die Berufung heraus – die freie Musik, die Improvisation, das Forschen und Experimentieren mit Klang, Geräusch und Stimme.

Den Sänger und Komponisten Christian Zehnder lernte Marcello Wick kennen, als er am Winterthurer Institut für Aktuelle Musik studierte. Dort kam er erstmals in Berührung mit dem Obertongesang, wurde später Schüler von Zehnder und schliesslich dessen musikalischer Partner. Parallel zum «Rollentausch», wie er seine Tätigkeit nunmehr als Lehrer für Gesang, Improvisation und Dirigat an der Wiam nennt, hat Marcello Wick gemeinsam mit Christian Zehnder zahlreiche Projekte und Kurse erarbeitet. Daneben tritt er mit anderen Musikerinnen und Musikern auf: Mit dem Hackbrettler Elias Menzi gibt er am 28. Dezember in der evangelischen Kirche Bruggen ein Konzert. Nächsten Sommer wird er mit dem Quartett StimmSaiten, einem Improvisationsensemble für Stimmen, Kontrabass und Cello, eine Konzert-Velotour der Thur entlang machen. Im Trio Triado treffen Jodel, Obertongesang und Beatboxing aufeinander.

Obertongesang ist kein Hokuspokus

Am A-capella-Chorprojekt Partial, als Verein organisiert, nehmen Sängerinnen und Sänger aus der ganzen Schweiz und aus Deutschland teil. Zum ersten Auftritt kam es im vergangenen Jahr am Naturstimmenfestival in Alt St. Johann. «Der Zufall wollte es, dass ein Frauenchor aus Schweden genau das gleiche schwedische Lied sang, das auch wir – neu arrangiert wie viele unserer Stücke – im Repertoire hatten. Es war hinreissend zu hören, wie unterschiedlich die beiden Varianten klangen», erzählt der Musiker, ein Fan übrigens des Sängers und Vokalartisten Bobby McFerrin. Die schier unerschöpfliche Vielfalt des stimmlichen Klangkörpers sei es, die ihn und auch die Chor- und Kursteilnehmenden immer wieder fasziniere. Vieles könne man ohne spezifische Gesangs- oder Notenkenntnisse für sich entdecken. «Der Obertongesang ist erlernbar. Es braucht dazu nicht eine bestimmte spirituelle Ebene – auch wenn es dann tatsächlich ein bisschen überirdisch klingt», sagt Marcello Wick und muss selber lachen. Im Konzert «Von Klanghöhen und Berglauten» werden traditionelle und experimentelle Klangtechniken ineinander verwoben. Von Wick neu arrangiert, wird eine Alphornmelodie von Johannes Brahms zu hören sein. Christian Zehnder wird eine neue Vertonung eines Alpsegenmotivs zur Aufführung bringen.

Konzert Sa, 25.11.2017, 20.00,Kirche St. Mangen. www.stimmpro.ch