Klageweiber und seelenerlösende Brötchen

RORSCHACH. An der gestrigen Pro-Senectute-Matinee bot der Historiker Louis Specker Einblick in altes Brauchtum rund um das Thema Sterben und Tod. Einst mass die Kirche der Hölle und den damit verbundenen Qualen grössere Bedeutung bei als heute.

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RORSCHACH. An der gestrigen Pro-Senectute-Matinee bot der Historiker Louis Specker Einblick in altes Brauchtum rund um das Thema Sterben und Tod. Einst mass die Kirche der Hölle und den damit verbundenen Qualen grössere Bedeutung bei als heute. Reiche sicherten sich darum mit Spenden an Klöster das Seelenheil. Dem gleichen Anliegen dienten die Seelenbrote. Sie wurden an Arme verteilt mit der Bitte, beim Verzehr ein Vaterunser zu sprechen. «Der fromme Glaube sagt, dass man dadurch so viele Seelen erlöst, als man Brötchen isst» hiess es. Galt es Abschied zu nehmen, wurde der Priester gerufen, um dem Sterbenden die Tröstungen der Religion zuzusprechen. In jedem Haushalt waren die für den Versehgang nötigen Geräte vorhanden. Nach den Pestepidemien des 14. Jahrhunderts setzte eine Flut von Anleitungen zur «Kunst des richtigen Sterbens» ein. Bald rankte sich um die Riten des Christentums allerlei Aberglaube: Das Seelentürlein wurde geöffnet, damit die Seele entweichen konnte. Sagen erinnern an Ängste, Verstorbene könnten zurückkehren.

Leichenbitterinnen hatten den Auftrag, den Hinschied von Haus zu Haus zu verkünden und zum Begräbnis einzuladen. Klageweiber waren für ihr professionelles Jammern bezahlt. Sie sangen, schrieen und heulten, zerkratzten sich das Gesicht, rauften sich das Haar und wälzten sich auf dem Boden. Bevor das Bestattungswesen Aufgabe der Politischen Gemeinde wurde und Friedhöfe ausserhalb der Wohngebiete angelegt wurden, war es Anliegen jedes Christen, möglichst nahe der Kirche bestattet zu werden. Alte Gräber erinnern daran, dass dabei Priester und Angehörige alter Adelsgeschlechter Vorrang hatten. (pb.)