«Kirche und Spital sind ähnlich»

Der 66jährige Kinderarzt Christian Kind ist seit Juli 2014 Präsident der Reformierten Kirchgemeinde St. Gallen Centrum. Er will die Angestellten und die Gemeinde stärker zu einem Team machen. Zudem soll die Vermietung von Immobilen den Unterhalt der Kirchen sichern.

Daniel Klingenberg
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Christian Kind vor der Kirche St. Mangen über seine Arbeit: «Ich koordiniere, versuche auszugleichen und das Miteinander zu stärken.» (Bild: Peer Füglistaller)

Christian Kind vor der Kirche St. Mangen über seine Arbeit: «Ich koordiniere, versuche auszugleichen und das Miteinander zu stärken.» (Bild: Peer Füglistaller)

Herr Kind, Sie möchten auf der Fotografie nicht mit verschränkten Armen abgebildet sein. Warum?

Christian Kind: Das signalisiert Distanz und Abgrenzung, was ich nicht vermitteln möchte. Es ist mir wichtig, dass die Kirche einlädt. Unsere Gemeinde ist offen für unterschiedliche Menschen.

Sie sind seit Juli 2014 mit einem 30-Prozent-Pensum Präsident der Kirchgemeinde Centrum. Wie wird man Kirchenpräsident?

Kind: Zunächst, indem man angefragt wird. Aber es braucht weitere Beweggründe. Einer ist sicher, dass ich von Jugend auf mit der Kirche verbunden bin, da mein Gross- und Urgrossvater Pfarrer waren. Themen wie soziale Verantwortung gehörten zum Gespräch am Familientisch.

Ihr Vater war Psychiater, Sie sind auf dem Areal der Klinik Burghölzli aufgewachsen. Hat er das religiöse Erbe weitergegeben?

Kind: In seinem Beruf hatte er viel mit Menschen zu tun, die sich im Leben nicht zurechtfanden. Das hat ihn gelehrt: Der menschliche Verstand ist begrenzt. Es gibt viel mehr Dinge, als wir damit erfassen können.

Sie selber wurden Kinderarzt und später Chef des Ostschweizer Kinderspitals. Ist das vergleichbar mit der Leitung einer Kirchgemeinde?

Kind: Durchaus. Beide sind eine Art KMU, in dem viele Personen unterschiedliche Arbeiten machen. Mesmer, Pfarrpersonen, Kirchenmusiker haben sehr verschiedene Tätigkeiten, dazu haben wir viele freiwillige Mitarbeiter. Wir sind bereits ein Team und wollen das noch stärker werden. Ein wesentlicher Teil meiner Arbeit ist daher ähnlich wie im Kinderspital. Ich koordiniere, versuche auszugleichen und das Miteinander zu stärken.

Auch die Kirchgemeinde ist sehr verschieden: Mit St. Laurenzen hat sie eine Kulturkirche, im Linsebühl sind die Evangelikalen zu Hause.

Kind: Richtig. Zudem haben wir in St. Georgen eine Dorfkirche und das Riethüsli führt zusammen mit den Katholiken ein ökumenisches Experiment durch.

Schon länger wird die Kirche St. Mangen wenig gebraucht. Gibt es Ideen, sie erweitert zu nutzen? Zum Beispiel für die Offene Kirche, die wegen der HSG-Erweiterung vom Platztor weg muss?

Kind: Es gibt verschiedene Ideen. Die sind aber alle noch nicht spruchreif. Klar ist, dass bisherige Nutzungen wie für die Église française oder das Forum Alte Musik Platz haben müssen.

Gibt es weitere Ähnlichkeiten zwischen Spital und Kirche?

Kind: Ja: Beide «produzieren» etwas, das sich nicht wirklich messen lässt. Insofern sind sie sich ähnlich. Anders gesagt: Beide werden immer wieder mit ökonomischen Kategorien angeschaut, lassen sich aber damit nicht wirklich fassen. Kirche und Spital muss man erleben, beide begleiten in schmerzvollen und beglückenden Erfahrungen.

Die Kirchgemeinde denkt aber auch ökonomisch: Eben baut sie an der Böcklinstrasse ein Mehrfamilienhaus für über drei Millionen.

Kind: Wir haben wertvollen Baugrund und Liegenschaften in der Innenstadt. Neben dem Bau an der Böcklinstrasse gibt es für ein Grundstück im Linsebühl einen Gestaltungsplan, dessen Realisierung allerdings keineswegs beschlossen ist. Wir möchten die Option nutzen, mit Mieteinnahmen zum Unterhalt unserer bedeutsamen Kirchen beizutragen. Das gibt ein Stück Unabhängigkeit von den Kirchensteuern.

Seit Jahren schrumpft die Gemeinde, aktuell hat sie 5400 Mitglieder. Merken Sie das finanziell?

Kind: Nein. Obwohl die Zahl der Mitglieder schrumpft, bleiben die Kirchensteuereinnahmen stabil. Das bedeutet: Wir haben wohlhabende Kirchbürger.

Was tun Sie, wenn Sie nicht für die Kirchgemeinde arbeiten?

Kind: Ich bin Präsident der zentralen Ethikkommission der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften, ein 30-Prozent-Pensum. Zudem lese ich viel, aktuell ein Buch über Neurologie. Die macht unglaubliche Fortschritte: Man weiss beispielsweise, dass die linke Hirnhälfte eher für administrative Arbeiten zuständig ist, die rechte Hälfte ist offen für Kreativität. Religion ist sicher in der rechten Hirnhälfte zu Hause.