«Kirche nicht zur Karikatur machen»

In der Rorschacher Herz-Jesu-Kirche soll Wohnraum entstehen. Die Idee erhält viel Zuspruch, so dass Michael Niedermann, Leiter der kantonalen Denkmalpflege, seiner Bedenken wegen die Rolle des Spielverderbers aufgedrängt wird. Zu Unrecht, erklärt er.

Corina Tobler
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Die kantonale Denkmalpflege setzt sich dafür ein, dass die Herz-Jesu-Kirche auch nach einer Umnutzung als Kirchenraum spürbar bleibt. (Bild: Michel Canonica)

Die kantonale Denkmalpflege setzt sich dafür ein, dass die Herz-Jesu-Kirche auch nach einer Umnutzung als Kirchenraum spürbar bleibt. (Bild: Michel Canonica)

Herr Niedermann, im Interview mit dem Fernsehsender TVO sagen Sie, die vom Kirchenverwaltungsrat geplante Umnutzung der Herz-Jesu-Kirche sei nicht machbar. Will die Denkmalpflege eine Umnutzung grundsätzlich verhindern?

Michael Niedermann: Nein, keinesfalls. Das Problem ist, dass die Kirchgemeinde mit diesem Wohnprojekt etwas forsch und für uns überraschend an die Öffentlichkeit ging. Wir wurden mit der Idee zwar einmal konfrontiert, aber das Projekt ist noch überhaupt nicht ausdiskutiert. Dass ein Problem besteht ist nicht zu bestreiten, und die Denkmalpflege stellt sich dieser Umnutzungsfrage auch. Das vorgeschlagene Projekt wäre sicherlich sehr spannend und reizvoll, aber die Herz-Jesu-Kirche ist dafür nicht geeignet.

Weshalb nicht?

Niedermann: Wir reden hier von einer Umnutzung, die wesentliche Eingriffe in die Substanz des Gebäudes erfordert. Die Herz-Jesu-Kirche ist kunsthistorisch von grossem Wert. Würde das erste Konzept weiterverfolgt, das uns der Kirchenverwaltungsrat vorlegte, käme der Eingriff einem Totalschaden nahe.

Michael Niedermann Leiter kantonale Denkmalpflege (Bild: pd)

Michael Niedermann Leiter kantonale Denkmalpflege (Bild: pd)

Warum ist die Kirche so wertvoll?

Niedermann: Es ist eine Kirche des St. Galler Architekten August Hardegger, die von überregionaler Bedeutung ist. Es gibt nur noch wenige Hardegger-Kirchen, und ausser derjenigen in Abtwil ist die in Rorschach die einzige, die noch in authentischem Zustand ist. Die Kirche ist ein Gesamtkunstwerk und darf durch eine Umnutzung nicht zur Karikatur werden. Ziel und Aufgabe der Denkmalpflege ist es, diese Kirche ihrem Wert entsprechend zu schützen und zu erhalten.

Was braucht es, um dies zu ermöglichen und die Kirche dennoch zu nutzen?

Niedermann: Ein externer Gutachter hat den kunsthistorischen Wert des Gebäudes klar definiert und mögliche Arten der Umnutzung abgeklärt. Es gibt eine entsprechende Studie von Kunst- und Kulturwissenschafter Peter Röllin, die diverse Möglichkeiten einer halböffentlichen oder öffentlichen Nutzung für die Herz-Jesu-Kirche aufzeigt. Diese Studie ist ein Beitrag, der am runden Tisch mit dem Kirchenverwaltungsrat diskutiert werden muss.

Welche Arten der Nutzung kann man sich darunter vorstellen?

Niedermann: Es sind alles grossräumige Nutzungen, denkbar wären etwa eine Bibliothek, ein Museum, ein Ausstellungsraum oder auch eine Nutzung als Kultusraum, allenfalls auch für andere Glaubensgemeinschaften. Es ist klar, dass das grosse Volumen der Kirche damit im ökonomischen Sinn nicht effizient genutzt wird, das darf aber auch nicht das Ziel sein. Die genannten Möglichkeiten haben jedoch den Vorteil, dass die baulichen Eingriffe gering und reversibel sind – und dass der Kirchenraum spürbar bleibt.

Ist das Verschwinden des spürbaren Kirchenraums das Hauptproblem der Wohn-Idee? Der Kirchenverwaltungsrat argumentiert ja, die Kirche würde durch die Wohnungen baulich kaum angetastet.

Niedermann: Dass die Kirche als Gesamtkunstwerk mit ihrem authentischen Inneren verschwindet, ist ein Kritikpunkt. Die baulichen Eingriffe in die Kirche wären aber massiv – zumindest, wenn das erste Konzept noch aktuell ist. Da waren etwa Fassaden-Durchdringungen enthalten. Der Schritt von Kirche zu Wohnung ist das extremste Beispiel für die Umnutzung einer Kirche. Aussenraum, Lichtverhältnisse und die Kleinzelligkeit des Schiffs – in all diesen Bereichen sind enorme Veränderungen nötig.

Die Kirchgemeinde möchte die Wohnraum-Idee dank Partnern kostenneutral umsetzen. Ist das gegenüber der mittelfristig nötigen Sanierung für mehrere Millionen Franken nicht zu bevorzugen?

Niedermann: Dazu gibt es zwei Dinge zu sagen. Erstens wurde die Herz-Jesu-Kirche Ende der 1980er-Jahre aussen umfassend mit Beiträgen des Kantons und der Gemeinden Rorschach und Rorschacherberg saniert. Sie ist dort in gutem Zustand. Innen trifft dies nicht mehr zu. Eine Restaurierung wäre wünschenswert, aber die Kirche geht innen nicht in wenigen Jahren zugrunde. Zweitens ist ja auch bei den alternativen Vorschlägen offen, wer die Kosten trägt. Es ist durchaus denkbar, dass eine Bibliothek oder ein Museum von einer Trägerschaft mitfinanziert wird.

Wie geht es nun weiter?

Niedermann: Die Denkmalpflege sucht intern das Gespräch mit der Kirchgemeinde und strebt eine breitere Gesprächsgrundlage an. Wir werden uns am runden Tisch für einen Kompromiss einsetzen. Unsere Absicht ist nicht, die Tür für eine Umnutzung zuzuschlagen, sondern eine ganze Palette möglicher Nutzungen zu prüfen – die halt allenfalls erst mittelfristig umsetzbar sind. Ein Schnellschuss kann nicht die Lösung sein.