Kinder - die vergessenen Opfer

ST. GALLEN. Dreimal täglich rückt die Polizei im Kanton St. Gallen wegen häuslicher Gewalt aus. Häufig erleben Kinder die Konflikte der Eltern mit. 27 000 Kinder sind in der Schweiz jährlich mit häuslicher Gewalt konfrontiert – nicht ohne Folgen für sie.

Regula Weik
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Kinder sind häufig von Gewalt in Paarbeziehungen mitbetroffen. (Bild: fotolia)

Kinder sind häufig von Gewalt in Paarbeziehungen mitbetroffen. (Bild: fotolia)

Die Frau ist mit dem zweiten Kind schwanger. Sie ist für längere Zeit krankgeschrieben und muss das Bett hüten. Der Beruf, das Engagement im Fussballclub, die Betreuung des Sohnes bringen den Ehemann an den Anschlag. Er wird öfter laut – gegenüber der Ehefrau, gegenüber dem Sohn. Das Ehepaar hat sich schon früher ab und zu gestritten.

Die Situation eskaliert nach der Geburt der Tochter. Es kommt zu Handgreiflichkeiten. Einmal. Zweimal. Immer öfter. Eines Tages beschimpft der Vater den Sohn, die Mutter geht dazwischen, der Ehemann schlägt sie ins Gesicht, sie fällt hin. Die Kinder – sie sind inzwischen vier und sechs Jahre alt – stehen schockiert und wortlos daneben. Der Ehemann hält einen Moment inne. Dies nutzt die Frau, sie schliesst sich mit den Kindern in deren Zimmer ein.

Die Nachbarn – sie haben das Ehepaar immer wieder laut streiten gehört – rufen diesmal die Polizei. Der Vater wird für zehn Tage weggewiesen.

Immer und immer wieder

Es sei nicht selten, dass Nachbarn reagierten und die Polizei riefen, sagt Sonja Suter, Mitarbeiterin der Beratungsstelle In Via am Kinderschutzzentrum St. Gallen. «Konflikte und Gewalt innerhalb der Familie sind ein Tabuthema. Häusliche Gewalt ist mit Scham besetzt.» In Via ist die Opferhilfestelle für Kinder und Jugendliche aus den Kantonen St. Gallen, Appenzell Ausser- und Innerrhoden.

Tausend Mal pro Jahr rückten Stadtpolizei und Kantonspolizei wegen häuslicher Gewalt aus, sagte Regierungsrat Fredy Fässler diese Woche an einer Veranstaltung zum Thema Häusliche Gewalt und Kinder. Oft seien Kinder mitbetroffen, sagte der St. Galler Sicherheits- und Justizchef. «Sie sehen oder hören Gewaltsituationen zwischen den Eltern. Sie leben in einem Klima von Gewalt.» Wenn minderjährige Kinder betroffen sind, meldet die Polizei dies automatisch an die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde.

Häusliche Gewalt gebe es praktisch nie nur einmal. «Sie tritt wiederholt auf», so Fredy Fässler. Und: «Häusliche Gewalt lässt sich nicht verhindern. Aber es muss ihr mit Nachdruck begegnet werden. Der gewaltausübenden Person muss mit aller Deutlichkeit und allenfalls mit Massnahmen klargemacht werden, dass sie ihr Verhalten ändern muss.»

«Ständig unter Strom»

Die Kinder fragen die Mutter immer wieder, weshalb die Polizei gekommen und wo ihr Papi sei. Der Sohn schlägt die Gspänli im Kindergarten. Das passierte früher nie. Auch die Schwester bekommt seine Aggressionen zu spüren. Beide Kinder schlafen nachts nicht mehr durch. Sie schlüpfen regelmässig zur Mutter ins Bett.

Kinder, die in ihrer Familie häusliche Gewalt erleben, stünden ständig «unter Strom», sagt Sonja Suter. Sie fragten sich permanent: «Bleibt es heute ruhig, oder gibt es wieder Streit?» Brigitte Arnold, ebenfalls Mitarbeiterin von In Via, erinnert sich an einen Buben, der fast ausschliesslich «Autounfälle spielte, immer krachte es, und immer gab es Verletzte». Kinder reagieren unterschiedlich auf häusliche Gewalt. Mögliche und häufige Folgen sind: Sie zögern die Heimkehr nach der Schule hinaus, ihre Schulleistungen brechen ein, sie laden die Schuld an den Problemen der Eltern auf sich, sie reagieren schreckhaft, sie leiden an Schlafstörungen. «Und dies unabhängig davon, ob sie nur <Zuschauer> waren oder selber Opfer von Gewalt wurden», sagt Sonja Suter. Studien besagen: 10 bis 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen sind in ihrer Familie mit häuslicher Gewalt konfrontiert. 30 bis 60 Prozent dieser Kinder werden selber körperlich misshandelt. 27 000 Kinder und Jugendliche in der Schweiz, so die Untersuchungen, sind jährlich von Gewalt in Paarbeziehungen mitbetroffen.

Vertrauen lernen

«Die Auffälligkeiten der Kinder verschwinden nicht von heute auf morgen», sagt Brigitte Arnold. Sie hörten weder mit der polizeilichen Intervention noch mit einer allfälligen Trennung der Eltern auf. Und auch nicht schlagartig ab dem Moment, wenn die Erwachsenen einen «neuen» Umgang miteinander gefunden haben. «Kinder brauchen oft länger, um die erlebte Atmosphäre von Gewalt zu verarbeiten.» Das sei gleichzeitig eine Chance. Und meistens unbestritten, denn «Eltern wünschen immer, dass es ihrem Kind gutgeht». Dazu gehöre, dass die Kinder und Jugendlichen wieder lernten, andern zu vertrauen, sich auf andere verlassen zu können. Kinder, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, haben die Familie «nicht als Ort von Sicherheit, Liebe und Geborgenheit erlebt, sondern als Ort von Angst, Unsicherheit und Bedrohung». Auf die Frage, ob Kinder die Gewalt in Paarbeziehung miterlebt haben, als erwachsene Personen selber zum Täter würden, antworten die beiden Fachfrauen: «Das greift zu kurz.» Das Risiko sei zwar gegeben – aber die Folgen seien so unterschiedlich wie die Menschen; so könne es auch sein, dass sie als Erwachsene zu Opfern würden oder an psychischen Belastungen litten. Sylvie Durrer, Direktorin des Eidgenössischen Büros für Gleichstellung von Frau und Mann, stellte kürzlich an einer nationalen Tagung fest: «Den Folgen von Gewalt auf mitbetroffene Kinder wird immer noch zu wenig Beachtung geschenkt. Kinder sind oft die vergessenen Opfer.»

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