«Kesb-Entscheide können massive Eingriffe sein»

Sie macht alles falsch, sie erkennt offensichtlichste Anzeichen nicht: Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde ist zum Prügelknaben der Nation geworden. Was ist wahr an den Vorwürfen? Was bewirkt die Dauerkritik bei den Mitarbeitenden? Der St. Galler Stadtrat Nino Cozzio nimmt Stellung.

Regula Weik
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Herr Cozzio, wie stark hat der Fall Flaach auch St. Gallen beschäftigt?

Nino Cozzio: Die Polemik gegen die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) macht an der Kantonsgrenze nicht halt. Auch unsere Behörde spürt das. Seit dem Fall Flaach haben sich die Anschuldigungen verstärkt: Fortan galten alle Kesb pauschal als «unmenschlich», und sie machen alles falsch. Auch von St. Galler Politikern kam der Vorwurf, früher sei alles besser gewesen, und die Forderung, zur alten Organisation zurückzukehren.

Wie wirkt sich die Dauerkritik auf die Mitarbeitenden aus?

Cozzio: Sie frustrierte die Mitarbeitenden und führte auch zu Stellenwechseln. Manche geben sich – auch im privaten Umfeld – nur noch ungern als Kesb-Mitarbeitende zu erkennen, um sich nicht ständig Vorwürfe anhören zu müssen.

Hätte sich ein Fall wie in Flaach auch in St. Gallen ereignen können?

Cozzio: Das lässt sich nicht ausschliessen. Man muss sich bewusst sein: Kesb-Entscheide können massive Eingriffe ins Leben von Menschen in schwierigsten persönlichen Situationen sein. Etwa dann, wenn die Obhut für die Kinder entzogen wird.

Passieren da auch Fehler?

Cozzio: Die Kesb St. Gallen – sie ist die grösste der neun Kesb-Regionen im Kanton – arbeitet an über 2500 Fällen. Fehleinschätzungen von Situationen können immer und überall passieren. 99 Prozent aller Fälle verlaufen gut – nicht immer zur Zufriedenheit aller Betroffenen, das ist gar nicht möglich.

Den Flaacher Behörden wurde vorgeworfen, falsch reagiert zu haben.

Cozzio: Diese Vorwürfe hören wir auch. Und auch, wir hätten eindeutige Anzeichen nicht oder zu spät erkannt. Solche Anschuldigungen sind Alltag. Tatsache ist aber: Unsere Kesb arbeitet gut. Ich habe volles Vertrauen in die Behörde.

Wenn eine Situation eskaliert – wie reagiert dann die Kesb?

Cozzio: Massive Drohungen sind, Gott sei Dank, nicht an der Tagesordnung. St. Gallen ist zudem seit dem Lehrermord sensibilisiert für kritische Situationen. Wenn sich eine Gefährdungssituation abzeichnet, kann zum Schutz der Mitarbeitenden die Stadtpolizei eingeschaltet werden. Das ist sehr selten der Fall.

Ist voraussehbar, dass ein Fall eskalieren könnte?

Cozzio: Es gibt kein fixes Muster. Es lässt sich nie genau voraussagen, wie sich ein Fall entwickeln oder sich eine Person in einer bestimmten Situation verhalten wird. Auch die Vorzeichen einer Bedrohungssituation sind vielfältig und unterschiedlich – mal ist es fehlende Gesprächsbereitschaft, seltener sind es massive verbale Drohungen.

Die Untersuchungen zu Flaach zeigen: Es gab Schwächen in der Kommunikation.

Cozzio: Kommunikation ist ein grosses Thema, die interne wie die externe. Zu letzterer gab es kürzlich eine Weiterbildung im Kanton. Die Kesb ist eine stark belastete Behörde; es kommen sehr viele Gefährdungsmeldungen herein, die alle abgeklärt werden müssen. Der Druck, vorwärts zu machen, ist gross. Da kann die optimale Kommunikation im Einzelfall schon einmal auf der Strecke bleiben. Umgekehrt kommt es auch vor, dass Betroffenen die Situation mehrfach erklärt wird, diese aber einfach nicht hören wollen. Da nützt dann die beste Kommunikation nichts.

Das läuft dann auf einen Machtkampf zwischen Behörde und Betroffenen hinaus?

Cozzio: Die Behörden haben dabei einen Nachteil: Sie sind ans Amtsgeheimnis gebunden, sie dürfen nicht reden – das trägt ihnen den Vorwurf ein, nicht offen zu sein oder gar etwas vertuschen zu wollen. Die Betroffenen können dagegen frei reden – mit allen und jedem. Sie können mit ihrer Geschichte auch an die Medien gelangen.

Die Kesb steht auch immer wieder wegen hoher Kosten in der Kritik.

Cozzio: Die Kesb ist unbestritten teurer als die vormaligen Miliz-Vormundschaftsbehörden. Hier arbeiten ausschliesslich Profis. Diese Professionalisierung hat seinerzeit die Mehrheit des Bundesparlaments beschlossen.

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