KESB: Die Dirigenten im Streitfall

Die Berufsbeistände des Kindes- und Erwachsenenschutzes begleiten Menschen, die ihren Alltag nicht mehr alleine bewältigen können. Zu Besuch in einer Institution, die an ihre Grenzen stösst.

Linda Müntener
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Der Kindes- und Erwachsenenschutz Region Rorschach ist für zehn Gemeinden zuständig. Darunter auch Mörschwil und Berg SG.

Der Kindes- und Erwachsenenschutz Region Rorschach ist für zehn Gemeinden zuständig. Darunter auch Mörschwil und Berg SG.

Linda Müntener

linda.muentener

@tagblatt.ch

Wenn die Polizei anruft, lässt Walter Bentivoglio alles liegen. Dann muss er raus aus seinem Büro. «An die Front», wie er sagt. Familiendrama, Sorgerechtsstreit oder Gewalt – der 44-Jährige hat sogar schon Todesfälle miterlebt. «Diese Bilder bleiben im Kopf.» An diesem Morgen sitzt Walter Bentivoglio in seinem Büro. Im Regal hinter ihm reihen sich Ordner an Ordner. Es sind 75 Stück. Jeder steht für einen Fall, eine Geschichte, ein Schicksal. Walter Bentivoglio ist Berufsbeistand beim Kindes- und Erwachsenenschutz Region Rorschach (KES). Dazu gehören Goldach, Rorschach, Rorschacherberg, Mörschwil, Rheineck, Steinach, Thal, Tübach, Untereggen und Berg SG. Er arbeitet mit Menschen in Ausnahmezuständen. Menschen, die nicht mehr für sich selber sorgen können und Unterstützung bei der Bewältigung ihres Alltags brauchen.

Der KES ist in einem Neubau in Goldach untergebracht und in zwei Abteilungen unterteilt. Während die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) die Massnahmen nach der Überprüfung von Anträgen oder Gefahrenmeldungen verfügt, führt die Berufsbeistandschaft (BBRR)diese aus. Die 2013 errichtete Behörde ersetzt damit die einstigen Vormundschaftsbehörden. Das Ziel: Laienbehörden durch Profis ersetzen.

«Berührerin» für geistig beeinträchtigen Teenager

Walter Bentivoglio ist einer dieser Profis. Seit der Errichtung des KES ist er als Berufsbeistand tätig. Zuvor hat er im Sozialversicherungswesen und als Amtsvormund gearbeitet. Er bezeichnet sich selbst als Dirigent. «Ich muss den Fall führen, er darf nicht mich führen.» Denn die Fälle fordern ihn immer wieder aufs Neue heraus. So auch ein aktueller: Ein geistig beeinträchtigter Jugendlicher hat sich sexuell an einem anderen Jugendlichen vergriffen. Die Eltern – selber auf Unterstützung angewiesen und aus einem anderen Kulturkreis stammend – sind mit der Situation völlig überfordert. Hier kommt Bentivoglio ins Spiel. Er hat das Gespräch mit allen Beteiligten gesucht, psychologische Gutachten erstellen lassen und schliesslich über sein Netzwerk eine «Berührerin» kontaktiert. Diese Frau klärt den Jugendlichen auf und führt ihn an einen normalen Umgang mit seiner Sexualität heran. «Auch für mich war das etwas völlig Neues.» Abgeschlossen ist der Fall für Bentivoglio damit aber noch nicht. Wird eine Beistandschaft errichtet, begleitet der Berufsbeistand seinen Klienten meist über mehrere Jahre in allen Lebenslagen, macht Hausbesuche und hält regelmässigen Kontakt. Auch deshalb, weil es nicht selten zu Rückschlägen kommt.

In jedem Fall sind Ausdauer und Fingerspitzengefühl nötig. An einem runden Tisch können schon mal über zehn Personen sitzen. Lehrer, Heilpädagogen, soziale Familienbegleiter, Eltern, Kinder, Übersetzer und mittendrin der Berufsbeistand. In der Regel kooperieren die Beteiligten, immer wieder stosse er aber auch auf Ablehnung. Bentivoglio hat ein Gespür dafür, wann er hart durchgreifen und «den Kollateralschaden in Kauf nehmen» muss. Der Sizilianer, der einst einen Boxclub führte, hat breite Schultern. «Das macht Eindruck.» Die Sicherheitsvorkehrungen im Haus sind streng. Alle Mitarbeitenden haben ein Selbstverteidigungstraining absolviert.

Die Fallzahlen schnellen in die Höhe

Ein sicheres Auftreten, Sozialkompetenz und Lebenserfahrung zählt auch der Abteilungsleiter Ernst Urech nebst den einschlägigen Fachkenntnissen zu den Voraussetzungen für diesen Job. Und: Die Berufsbeistände müssen belastbar sein. Die Fallzahlen sind schon in den ersten zwei Jahren in die Höhe geschnellt. 2015 wurde die ganze Behörde deshalb aufgestockt. «Wir sind schon jetzt wieder über dem Limit», sagt der 50-Jährige. Auf einen vollamtlichen Berufsbeistand kommen zwischen 70 und 80 Fälle. Auch räumlich stösst die Abteilung an ihre Grenzen. Eine zusätzliche Wohnung im Gebäude wurde umgenutzt, Pult und Stühle der Mitarbeitenden stehen mitten in der Küche.

Die Ursachen für die steigenden Fallzahlen seien vielschichtig, sagt Urech. «Der Druck auf den Einzelnen nimmt in unserer Gesellschaft zu.» Man sei heute beruflich und privat stark eingespannt, müsse jederzeit verfügbar sein. Die Familie greife nicht mehr wie früher. Nicht jeder verkrafte da eine Scheidung oder eine Kündigung. «Wir sind der Spiegel der Gesellschaft.» Die Lösung? Man müsse früher ansetzen und die Fälle gar nicht entstehen lassen. «Dazu fehlt unter anderem ein regionaler Sozialdienst.» Dieser könnte früh eingreifen. Ein solches Projekt scheiterte bisher vor allem an den Kosten. Urech zeigt Verständnis für die Gemeindebehörden. Gebe man 100000 Franken mehr für Sozialarbeit aus, komme das beim Bürger eben schlechter an als 100000 Franken für ein neues Tanklöschfahrzeug. «Soziale Einrichtungen sind aber nötig und nehmen der Gesellschaft viele Probleme ab.»

Mitgefühl zeigen, aber nicht mitleiden

Hinzu kommt der Druck in der Öffentlichkeit. Ein Familiendrama in Flaach löste vergangenes Jahr eine landesweite Empörung über die Kesb aus, die seit ihrer Gründung immer wieder in der Kritik steht. Behörden, die vom Pult aus überteuerte Massnahmen anordnen, die willkürlich über andere Menschen entscheiden und Fälle an sich reissen – so der Eindruck vieler. «Ja, es werden Fehler gemacht», sagt Ernst Urech. Daraus müsse man die Lehren ziehen. Er merkt aber an, dass man meist nur die eine Seite der Geschichte in den Zeitungen lese. Aus Datenschutzgründen könne die Kesb nicht immer detailliert Stellung beziehen. Entscheide würden dann zu medialen Skandalgeschichten hochgepuscht. «Dabei geht vergessen, dass die Behörden zuweilen in hochbrisanten Umfeldern arbeiten und Hunderte Fälle betreuen, die problemlos verlaufen.»

Wie man mit dem Erlebten umgeht, dafür hat jeder sein eigenes Rezept. Mitgefühl zeigen, aber nicht mitleiden, rät Ernst Urech. Walter Bentivoglio treibt zum Ausgleich Sport oder verbringt Zeit mit seiner Familie. Eins dürfe man nie, sagt der Berufsbeistand: «Zynisch sein.»

Die Berufsbeistände Walter Bentivoglio (links) und Ernst Urech diskutieren einen Fall. (Bilder: Linda Müntener)

Die Berufsbeistände Walter Bentivoglio (links) und Ernst Urech diskutieren einen Fall. (Bilder: Linda Müntener)