Kein Schuh des Anstosses

rorschach. Ganze Horden von Demonstranten sind am Mittwochabend in der westlichen Altstadt unterwegs.

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rorschach. Ganze Horden von Demonstranten sind am Mittwochabend in der westlichen Altstadt unterwegs. Sie schwenken grüne Fahnen, rufen Slogans, in denen sie Stadtpräsident Thomas Müller auffordern, endlich seinen Nationalratssitz zu räumen und halten ihre Schuhe in die Höhe, um den «Austritt» Müllers plakativ zu unterstreichen. An der Industriestrasse drängen die Hundertschaften in die Kornhausbräu und hängen gebannt an den Lippen von Satiriker Bruno Zürcher, der die Menge zum «Marsch nach Bern» auffordert, um dem CVP-Abtrünnigen ordentlich den Marsch zu blasen.

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So hätte es womöglich ausgesehen, wenn die Rorschacherinnen und Rorschacher die Aufforderung zum «Regionalen Schuhsammeltag für Thomas Müller» tierisch ernst genommen hätten. Weil aber weit und breit kaum Schuhe auszumachen waren, ausser denen an den Füssen der Gäste, war es so wie immer, wenn die Punkt-Acht-News von Bruno Zürcher die Kornhausbräu AG erleuchten. Frisches Bier vom Zapfhahn, ein leicht linkslastiges Publikum, das mit Vorliebe über Breitseiten kichert, die in Richtung Mitte-Rechts abgefeuert werden und ein gewohnt stilsicherer Nachrichten-Moderator, der die Grenzwanderung zwischen Klamauk und Satire, übrigens mit einem Paar Nagelschuhen, die ihm dabei halfen, brillant bewältigte.

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In der arabischen Welt gilt es als besonders herabwürdigende Beleidigung, jemandem seine Schuhsohlen zu zeigen. Der Schuh-Protest der ägyptischen Bevölkerung war Ausdruck höchster Verachtung gegenüber Mubarak. Dass die plagiatmässige Nachäffung durch den Müllerschen Schuhsammeltag nicht zur Beleidigung der Leidenden in den sich von ihren Diktatoren befreienden Ländern wurde, dafür sorgte Bruno Zürchers feinfühliger Umgang mit dem Thema. Für Thomas Müller sei ein rechter Fussballschuh abgegeben worden, so Zürcher – einen linken brauche er ja nicht –, damit er seine Position am rechten Flügel finde. Es sei zu hoffen, dass für Müller neben dem Fussballschuh auch noch der richtige Rücktrittsschuh gefunden werde; er könnte mit seinen Fussballschuhen aber auch einen Rückzieher versuchen.

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Während die Schuhgeschichten eher dezent beklatscht wurden, sorgten Zürchers Insiderinformationen über das Geschenk – ein neues Stadtwappen –, das der Stadtrat anlässlich der Verleihung des Carl-Stürm-Preises an Reinhold Würth übergeben werde, für spontanen Applaus. Das Würth-Emblem ersetzt den roten Hintergrund, statt Kornähren werden Schrauben gebündelt und die SVP-Geissen ersetzen die Fische. Auch Guttenberg war im Kornhausbräu Thema. «Guttenberg hat das richtige Schuhwerk für den Rücktritt schneller gefunden als Müller», frotzelte Zürcher. Die Schuhaktion hat der Goldacher Satiriker den Ägyptern abgeschaut. Da stellt sich die Frage: «Wann tritt denn <Plagiator> Zürcher zurück?» Rudolf Hirtl

Bruno Zürcher sucht das richtige Schuhwerk. Ein Stadtwappen mit «Würth»'scher Prägung. (Bilder: Rudolf Hirtl)

Bruno Zürcher sucht das richtige Schuhwerk. Ein Stadtwappen mit «Würth»'scher Prägung. (Bilder: Rudolf Hirtl)

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