«Kein Drang zum Berufswechsel»

Während 25 Jahren als Gemeindepräsident hat Franz Müller Waldkirch massgeblich geprägt. Obwohl er nicht immer unumstritten war, freut er sich auf sein letztes Jahr im Amt. Anfang Monat feierte er sein Dienstjubiläum.

Johannes Wey
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Wenn Franz Müller im Herbst 2016 sein Büro im Waldkircher Gemeindehaus räumt, wird er über 30 Jahre für die Gemeinde tätig gewesen sein. (Bild: Ralph Ribi)

Wenn Franz Müller im Herbst 2016 sein Büro im Waldkircher Gemeindehaus räumt, wird er über 30 Jahre für die Gemeinde tätig gewesen sein. (Bild: Ralph Ribi)

Herr Müller, erinnern Sie sich noch an den 1. August 1990, als Sie das Amt des Waldkircher Gemeindepräsidenten angetreten haben?

Franz Müller: Ich hatte damals tatsächlich am Nationalfeiertag meine erste Verpflichtung: Ich habe als neuer Gemeindepräsident an der Bundesfeier die Festrede gehalten.

Dann haben Sie sich der Bevölkerung bei dieser Gelegenheit gleich vorgestellt?

Müller: Das war nicht nötig, die Leute erfuhren ja schon vor der Wahl, wer ich bin. Zudem bin ich ein Ur-Waldkircher, hier geboren und aufgewachsen. Viele kannten mich noch aus meiner Jugendzeit. Ich habe auch hier auf der Verwaltung meine Lehre und die ersten Berufsjahre verbracht. Kommenden November bin ich insgesamt 30 Jahre für diese Gemeinde tätig.

Und was haben Sie am diesjährigen 1. August, dem Tag ihres 25-Jahr-Dienstjubiläums, getan?

Müller: Ich war ausnahmsweise nicht an der Waldkircher Bundesfeier. Meine Frau und ich waren noch in den Ferien.

Und 1.-August-Reden halten Sie ja ohnehin seit Jahren keine mehr.

Müller: Davon bin ich abgekommen. Ich fand, es bringt nichts, wenn der Gemeindepräsident jedes Jahr eine Rede hält. Wenn überhaupt eine Ansprache gewünscht wird, findet man immer interessante Redner.

Dass jemand gleich 25 Jahre Gemeindepräsident bleibt, ist heute eine Seltenheit geworden.

Müller: Ganz klar. Vielleicht wird man heute deshalb auch etwas belächelt. Aber ich kann sagen, meine Aufgabe hat mich immer fasziniert. Man erlebt nie zweimal denselben Tag, es gibt neue Geschäfte und alte, bei denen man à jour bleiben muss.

Haben Sie nach Ihrer Wahl damit gerechnet, so lange im Gemeindehaus zu bleiben?

Müller: Nein, das hatte ich nicht erwartet. Aber mit den Jahren wurde meine Verwurzelung in der Gemeinde tiefer. Meine Kinder wuchsen hier auf und schlossen Freundschaften. Und ich selber hatte nicht den Drang, mir einen anderen Beruf zu suchen.

Wären Sie denn in einem anderen Job auch 25 Jahre lang geblieben?

Müller: Das ist ja heute nicht mehr üblich. Aber es gibt immer Ausnahmen, wenn das Umfeld und die Stelle gut passen. Und ein grosser Vorteil als Gemeindepräsident ist, dass man einen kurzen Arbeitsweg hat und in der Regel über Mittag nach Hause kann. Das hat zu dieser Bindung beigetragen.

Sie treten bei den Wahlen 2016 nicht mehr an. Hatte das Timing auch mit dem 25-Jahr-Jubiläum zu tun?

Müller: Überhaupt nicht. Mir ging es darum, dass Ende 2016 die Amtsdauer endet.

In welchen Momenten hat Ihnen Ihr Beruf am meisten Freude bereitet?

Müller: Wie gesagt, ich hatte sehr viel Freude, weil man viel gestalten und viele Aufgaben erfüllen kann. Und es war natürlich immer eine Freude, wenn die Bürgerversammlung die Arbeit des Gemeinderats mitgetragen hat. Jedes Ja zu einem Budget, auch nach Diskussionen, war eine Bestätigung.

Sie erlebten aber auch weniger erfreuliche Momente.

Müller: Unschön war für mich der Wahlkampf bei den letzten Wahlen. Das hat mich ganz ehrlich schon beschäftigt. Ich musste mich manchmal auch damit abfinden, dass die Bürgerschaft Nein gesagt hat. Beispielsweise bei der Sportstätte, die 2008 knapp abgelehnt wurde. Ich habe aber vernommen, dass Bestrebungen in Gang sind, diese Frage wieder aufzugreifen.

Es gab Momente, in denen Sie selbst in der eigenen Partei wenig Rückhalt hatten. War das schmerzhaft?

Müller: Das war vor allem abhängig von Einzelpersonen. Insgesamt wurde ich von der CVP Waldkirch-Bernhardzell gut getragen und ich freue mich auf eine konstruktive Zusammenarbeit. Wobei mir natürlich klar ist, dass ich als Gemeindepräsident, der ja alle Bürger und den ganzen Gemeinderat vertritt, nicht immer auf der CVP-Linie liegen kann.

Haben Sie auch an einen Parteiaustritt gedacht?

Müller: Der Gedanke kam mir. Aber ich habe ihn schnell verworfen. Ich bin, schon vom Elternhaus her, Ur-CVPler und trat als 22-Jähriger ein. Damals wurde ich im Bezirk Alttoggenburg, wo ich vor meiner Zeit in Waldkirch zehn Jahre lang Lütisburger Gemeindeammann war, von der CVP stark unterstützt. Meine Kontakte zur Partei waren insgesamt immer intakt, deshalb wollte ich daran nichts ändern.

Sie machen oft den Eindruck, dass Sie Kritik nicht kümmert. Ist das die Erfahrung? Oder ein gutes Pokerface?

Müller: Wenn man keinen breiten Rücken hat, dann erfüllt man eine wichtige Anforderung an einen Gemeindepräsidenten nicht. Man kann ja nie alle zufriedenstellen. Für Kritik muss man auch Verständnis haben und sie ernst nehmen.

Sie sind noch ein gutes Jahr Gemeindepräsident. Denken Sie schon oft an die Zeit danach?

Müller: Ja, ab und zu. Gewisse Fragen stellen sich im Hinblick auf jede Pensionierung. Ich möchte sicher mehr Sport treiben, vor allem golfen. Zudem soll nun auch die Familie mehr im Vordergrund stehen. Ich bin am 1. August zum erstenmal Grossvater geworden und zwar gleich von Zwillingen.

Dass Sie nach der Zeit als Gemeindepräsident selbständig im Treuhandbereich tätig sein möchten, gaben Sie schon im Mai bekannt. Hat sich da schon etwas konkretisiert?

Müller: Damit möchte ich mir Zeit lassen, bis ich nicht mehr Gemeindepräsident bin. Ich habe keine Eile.

Machen Sie sich auch Gedanken, wer Ihr Nachfolger wird?

Müller: Ich vermute, einen Kandidaten zu finden, wird für den Wahlausschuss keine leichte Aufgabe. Das Amt hat, auch durch die Kritik, die heute von den Bürgern häufiger geäussert wird, viel an Attraktivität verloren. Heute müssen sich Kandidaten genau überlegen, ob sie dafür aus dem Berufsleben aussteigen wollen, denn wenn man zurück will, ist man schnell weg vom Fenster. Aber die Kandidatensuche ist Sache der Parteien, nicht meine. Auf Wunsch stünde ich als Berater zur Verfügung.

Kann man sich nach einer 36jährigen Karriere als Gemeindepräsident überhaupt wieder als Normalbürger «regieren» lassen?

Müller: Ich freue mich auf den Zeitpunkt, Verantwortung abgeben zu können. Ich werde sicher aufmerksam verfolgen, was in der Gemeinde läuft. Aber ich bin ganz klar der Meinung, dass ein Alt-Gemeindepräsident Zurückhaltung üben muss. Und das werde ich tun – sogar sehr gerne.