Kein Abriss ohne Neubau

Über 200 Jahre alt ist das Haus an der Neugasse 18. Es ist geschützt, aber unbewohnbar. 2003 ging erstmals ein Gesuch für einen Neubau ein. Er genügte den Anforderungen nicht, eine Bewilligung erfolgte nie. Nun macht eine Plakataktion aufs Haus aufmerksam.

Corina Tobler
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Die Plakate an der Neugasse 18 fordern den Abbruch des Hauses. (Bild: Corina Tobler)

Die Plakate an der Neugasse 18 fordern den Abbruch des Hauses. (Bild: Corina Tobler)

RORSCHACH. Die Plakate an der Neugasse 18 sind unmissverständlich. «Warum kann dieses unbewohnbare Gebäude nicht abgebrochen werden?», fragt das linke. «Weil es unter Ortsbildschutz der Stadt Rorschach steht», antwortet das rechte, die Ausrufezeichen deuten Empörung übers angedeutete Querstellen der Stadt an. Wer die Plakate montierte, bleibt ein Rätsel.

Hohe Anforderungen an Neubau

Das Haus «Zum Hans Sachs» ist benannt nach einem deutschen Dichter und Schuhmacher, der 1494 in Nürnberg geboren wurde. Heute gehört es der Zürcher Steineck AG. Es dürfte zwischen 1761 und 1780 erbaut worden sein – 1761 zerstörte ein Grossfeuer alle Häuser zwischen Jakobsbrunnen und Ankergasse. Das Haus steht unter Schutz. Die kantonale Denkmalpflege lobt es als ein Stück Alt-Rorschach mit Seltenheitswert im Stadtkern. Der alte Ortskern ist auch im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder (Isos) aufgeführt. Doch so hoch sein Schutzstatus ist, so schlecht ist der Zustand des Hauses. WCs im Treppenhaus, fehlende Isolation und eine Raumhöhe von nur 1,9 Meter statt wie heute üblich mindestens 2,4 Meter machen es unbewohnbar. Das sieht auch der Stadtrat so. «Es ist nicht im Interesse der Stadt, dass das Haus zerfällt. Doch es kann nur aus dem Schutz entlassen werden, wenn der Neubau hohen städtebaulichen und architektonischen Anforderungen genügt. Über eine Baubewilligung entscheidet die Denkmalpflege mit», sagt Stadtschreiber Bruno Seelos. Das 2003 erstmals und 2010 in geänderter Version erneut eingereichte Baugesuch habe diese Anforderungen nicht erfüllt.

Moderne Fassade war geplant

Der Altenrheiner Architekt Rolf Camenisch entwarf das Projekt und reichte im Auftrag der Steineck AG das Baugesuch ein. «Geplant war ein vierstöckiges Gebäude. Unten sollte ein Geschäft einziehen, im ersten Stock waren Arztpraxen vorgesehen, oben Wohnungen. Die Fassade hätte modern werden sollen.» Die Stadt bezog in die Beurteilung des Baugesuchs auch Kantonsbaumeister Werner Binotto ein, dessen Urteil 2011 vernichtend ausfiel. Die Fassade überzeuge nicht, der Anstieg der Geschosszahl sei zu abrupt und es mangle dem Projekt an Respekt vor dem innerstädtischen und teilweise historischen Umfeld. Rolf Camenisch betont, er habe angeboten, zur Problemlösung sogar einen Stararchitekten wie Mario Botta aufzubieten. «Aber dafür wollten wir die Bedingungen geklärt haben, genau wissen, welches Bauvolumen möglich ist und welche Grenzabstände eingehalten werden müssen.»

Eigentümerin will nicht mehr

Als Kompromisslösung erarbeitete die Stadtbildkommission einen Mantellinienplan, der einen stufenweisen Anstieg der Stockwerkhöhe in Richtung des siebenstöckigen Nachbarhauses Neugasse 20 vorschreibt. Den Plan erhielt die Steineck AG im Frühling, mehr wird sie nicht bekommen. Bruno Seelos betont: «Das Erarbeiten der Pläne ist Aufgabe der Eigentümer und ihrer Architekten, nicht der Stadt.»

Rolf Camenisch ist verärgert. «Die Stadt hat uns mehrfach falsch informiert. Der Mantellinienplan ist gehaltlos, ein Witz. Daher entschied die Verwaltung im Juni, das Haus verlottern zu lassen. Unter diesen Umständen können wir mit der Stadt nicht zusammenarbeiten. Ein Verkauf ist aber kein Thema.» Ein Abbruch und Neubau, wie ihn die Plakate fordern, rückt damit in weite Ferne.