KANTON ST.GALLEN: Der Krampf mit der Frauenquote

Der Kanton will mehr Frauen in Führungspositionen. Die alte Zielquote von 30 Prozent wurde aber nach unten korrigiert. Zudem fehlen konkrete Massnahmen zur Förderung der Frauen.

Sina Bühler
Drucken
Teilen
Wenn es um Frauenförderungen geht, verfehlt der Kanton seine eigenen Ziele häufig. (Bild: Alvarez/Getty)

Wenn es um Frauenförderungen geht, verfehlt der Kanton seine eigenen Ziele häufig. (Bild: Alvarez/Getty)

Sina Bühler

ostschweiz@tagblatt.ch

«Pfalzbrief» heisst die Personalzeitung des Kantons St.Gallen. Im aktuellsten Exemplar geht es unter anderem um die Personalpolitik des Kantons. Kürzlich hat die Regierung verschiedene Ziele festgelegt, die in den nächsten zwei Jahren erfüllt werden sollen. Unter anderem soll der Anteil Frauen in Führungspositionen, der Anteil Teilzeitstellen und die Zahl der Stellen für Menschen mit körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen erhöht werden. «Die Regierung legt diese Ziele regelmässig fest. Die Ergebnisse der Personalbefragung und die Auswertung der Zielerreichung der letzten Jahre fliessen dabei ein», sagt dazu Flavio Büsser, Generalsekretär des Finanzdepartements, zu dem auch das Personalamt gehört. Die Zahl der Frauen im Kader zu erhöhen sei immer schon im Fokus gestanden. Entsprechende parlamentarische Vorstösse und die Tatsache, dass der Anteil Frauen in Leitungspositionen in den letzten Jahren leicht gesunken sei, habe dieses Ansinnen aber noch verstärkt. «2016 hatten wir 22,6 Prozent Frauen im Kader, neu peilen wir 28 Prozent an», sagt Büsser. Dass dies kein Riesensprung sei, gibt er selber zu, «Veränderungen in diesem Bereich brauchen Zeit».

System basiert auf Freiwilligkeit

Es ist auch deshalb kein Riesensprung, weil die Quote nicht nur für Frauen auf Positionen mit Personalverantwortung gelten wird, sondern das ganze Kader mitgezählt wird. Dazu gehören neu auch Projektmanagerinnen, die keine Untergebenen haben. Diese Umstellung ist abgestimmt auf das neue Lohnsystem des Kantons, das 2018 eingeführt wird. Es macht einen direkten Vergleich der heutigen Situation mit der angestrebten Quote aber schwierig. Ein Vergleich hingegen, der möglich ist, ist ernüchternd: Bereits 2013 wollte der Kanton Chefinnen fördern. Damals wurde noch – für den enger definierten Kreis der Führungspositionen – eine Zielquote von 30 Prozent angestrebt. Nicht nur damals, auch heute fehlen konkrete Massnahmen, um die angestrebten Ziele zu erreichen, das System basiert auf Freiwilligkeit. «Wir haben keine Order herausgegeben, dass im Kader nur noch Frauen angestellt werden dürfen, bis das Ziel erreicht ist», sagt Flavio Büsser. Die Erhöhung der Quote liege in der Verantwortung jener, die neue kantonale Angestellte rekrutieren. Die Regierung werde sich regelmässig über die Entwicklungen in den Departementen informieren: «Und sie wird auch nachfragen, ob sich keine Frauen beworben hätten.» Die aktuellen Zahlen zur Situation in den einzelnen Departementen werden nicht veröffentlicht, Büsser bestreitet aber nicht, dass beispielsweise im Sicherheits- und Justizdepartement (SJD) und im Baudepartement «aus strukturellen Gründen» wenige Frauen in leitender Position arbeiten. Das SJD ist dafür eines von nur drei Departementen, die eine Frau zur stellvertretenden Generalsekretärin gewählt hat. Die Generalsekretärposten werden derzeit im ganzen Kanton von Männern besetzt. Auch bei den Amtsleitungen gibt es wenig Frauen – positiv sticht einzig das Departement des Innern heraus. Der Zielwert von 28 Prozent müsse denn auch nicht von jedem einzelnen Departement erreicht werden, erklärt Büsser, alle Kaderstellen im Kanton werden zusammengefasst: «Die Gesamtentwicklung ist entscheidend.»

Ausruhen auf Kosten anderer Departemente

Gudrun Sander ist Professorin an der Universität St.Gallen und spezialisiert auf Diversity Management. Sie sagt, Quotenziele seien ein erster Schritt, aber es brauche entsprechende Massnahmen zur Umsetzung: «Es klingt zwar gut, aber wenn sich zu wenige Frauen bewerben, sie trotz passender Qualifikation nicht eingestellt, unterdurchschnittlich befördert werden oder schneller wieder kündigen, wird das Quotenziel nicht erreicht.» Unternehmen oder Organisationen, die mehr Frauen in Leitungsfunktionen wollen, müssten den gesamten Personalprozess differenziert analysieren, «um zu wissen, wo es intern klemmt». Und das sei eben nicht überall gleich. Deswegen brauche es eine saubere Analyse pro Departement oder Abteilung. Zudem müssten alle einen Beitrag leisten, sagt Sander, ansonsten könnten sich die Departemente mit sehr tiefem Frauenanteil einfach auf Kosten jener mit hohen Frauenanteilen ausruhen. Das heisse nicht, dass diese Ziele überall gleich hoch sein müssten. «Sie müssen vielmehr realistisch sein.» Eine wichtige Rolle habe auch ein professionelles Controlling, das Transparenz über die Fortschritte schafft. «Nur damit kann erkannt werden, ob die Begründungen für ein Fehlen von Frauen im Kader auch stimmen und wo demnach angesetzt werden muss.» Ein solches Controlling kostet etwa beim CCDI, dem HSG-Kompetenzzentrum für Diversität und Inklusion, beziehungsweise beim Verein Gleichstellungscontrolling einige tausend Franken.