Kandinskys verlorene Kachel

Wassily Kandinsky ist weltweit bekannt. Dass der Maler vor hundert Jahren als Asylant in Goldach lebte, wissen jedoch die wenigsten. Er soll sich damals auf einer Kachel verewigt haben, die jedoch verschollen ist.

Otmar Elsener
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Die Villa Mariahalden nach dem Umbau von 1917.

Die Villa Mariahalden nach dem Umbau von 1917.

GOLDACH. Über 50 000 Besucher sahen sich im Zentrum Paul Klee in Bern diesen Sommer die Ausstellung «Klee und Kandinsky» an. Nur wenige davon wissen, dass der Russe Wassily Kandinsky, einer der ganz Grossen der Malerei im 20. Jahrhundert und dem die Kunstgeschichte die ersten abstrakten Gemälde verdankt, vor hundert Jahren drei Monate als Asylant in Goldach verbracht hat.

Im Rorschacher Neujahrsblatt 1991 und im Neujahrsblatt 2014 des Historischen Vereins des Kantons St. Gallen hat der Goldacher Historiker Johannes Huber aufgezeichnet, wie es 1914 nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges zur Flucht von Kandinsky ins Exil in der Villa Mariahalden in Goldach kam. In seinen Recherchen ist ihm entgangen, dass sich Kandinsky laut mündlicher Überlieferung in Goldach mit einem kleinen Werk verewigt haben soll, das aber heute verschollen ist.

Beziehung zu Kunstkreisen

Die Liegenschaft Mariahalden gehörte seit 1879 einer Herzogin von Hamilton, einer vielfachen Urgrossmutter des heutigen Fürsten von Monaco. 1895 gelangte das Gut in die Hände der deutschen Adeligen Jeanette von Lingg, die Beziehungen zu Münchner Kunstkreisen pflegte. Sie muss mit Wassily Kandinsky und seiner Lebensgefährtin Gabriele Münter bekannt gewesen sein und gewährte ihnen von Anfang August 1914 bis 16. November 1914 Asyl. Kandinsky und Münter wohnten vermutlich in der ursprünglichen, 1942 abgebrochenen Villa, da von Lingg sich selber als Wohnhaus die Villa Mignon – heutiges Haus St. Gallerstrasse 19 – erbauen liess. Das ganze Gut reichte von der Rorschacher Grenze bis zur Blumenstrasse.

Von der einst herrschaftlichen Parkanlage auf dem sonnigen Hügel an der Grenze zu Rorschach sind nur noch einige mächtige Bäume übrig geblieben. Die heute Goldpark genannte Liegenschaft ist seit 2009 laufend mit Wohnblöcken überbaut worden, die 1945 erbaute Villa des Getreidehändlers Ernst Hofer über dem einstigen Rebberg war vorgängig abgerissen worden.

Die verschollene Kachel

Für viele Goldacher ist der Name Mariahalden gleichbedeutend mit dem Getreidehändler Ernst Hofer und den ehemaligen Gärtnern Kundela. Deren Vater, Mathias Kundela, war jahrelang als Herrschaftsgärtner für den Stickereikaufmann Paul Kriesemer tätig, der das herrschaftliche Gut 1917 für 109 000 Franken von Jeannette von Lingg gekauft hatte. In der Stickereikrise war Kriesemer 1936 gezwungen, das Gut an die Kantonalbank zu verkaufen. Kundela kaufte sich das Gebäude, das ehemals für Dienstboten und Stallereien eingerichtet wurde und dazu ein grösseres Stück Land. Darauf baute er sich eine eigene Gärtnerei auf. Ernst Hofer kaufte 1941 das restliche Gut und liess die Villa und die Kapelle im Park während des Winters 1942/1943 abbrechen.

Schatz landet in Baumulde

Im Stallgebäude, beziehungsweise im ehemaligen Pferdestall waren die Wände sogar für die Pferde der Baronin vornehm mit weissblauen Delfter Kacheln geplättelt. Und um diese Kacheln rankt sich die Legende, dass eine davon von Wassily Kandinsky bemalt worden sein soll. Es ist überliefert, dass sich Kandinsky oft in den Gärten und Gerätegebäuden aufhielt, und es ist wahrscheinlich, dass während seines Aufenthalts Kacheln entweder ersetzt oder repariert werden mussten. Kandinsky mag den Arbeitern zugeschaut und spontan eine der Kacheln mit abstrakten Motiven verziert haben. Die einzige Person, die 2007 noch etwas über diese Kachel zu erzählen wusste, war die einstige Hausbewohnerin Margrit Kundela, doch sie ist 2010 verstorben.

Das Gebäude mit den Kacheln – heute St. Gallerstrasse 19 – wurde während der Zeit der Gebrüder Kundela und auch unter nachfolgenden Eigentümern mehrmals verändert, die Kacheln verschwanden. Falls es die Kandinsky-Kachel in Goldach wirklich gab, landete sie wahrscheinlich in einer Baumulde, ohne dass sich jemand des Schatzes bewusst war, der damit im Schutt der Geschichte landete.

Blick vom Wohngebäude in den Park des Landsitzes Mariahalden. (Bilder: Familienarchiv Philipp Lafont-Kriesemer)

Blick vom Wohngebäude in den Park des Landsitzes Mariahalden. (Bilder: Familienarchiv Philipp Lafont-Kriesemer)

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