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KAMPF UMS SCHULHAUS: Das Schulhaus Tschudiwies in St.Gallen war von Anfang an ein Zankapfel

Am 7. Juli 2017 rannten letztmals Primarschulkinder durch die Gänge im Schulhaus Tschudiwies. Seit Anfang des Schuljahres 2017/18 besuchen sie das sanierte und ausgebaute Primarschulhaus St.Leonhard an der Vadianstrasse. Gegen die Schliessung des Schulhauses war der Quartierverein Tschudiwies-Centrum vergeblich Sturm gelaufen.
Elisabeth Reisp/Reto Voneschen
Letzter Schultag im Schulhaus Tschudiwies vor den Sommerferien 2017: Schulkinder vergnügen sich auf dem Pausenplatz. (Bild: Urs Bucher - 7. Juli 2017)

Letzter Schultag im Schulhaus Tschudiwies vor den Sommerferien 2017: Schulkinder vergnügen sich auf dem Pausenplatz. (Bild: Urs Bucher - 7. Juli 2017)

Bevor überhaupt ein Stein auf den anderen gesetzt werden konnte, war das Schulhaus Tschudiwies bereits Anlass für Streitereien. Vor der Volksabstimmung über den Schulhaus-Bau im Februar 1952 teilte sich die Stimmbevölkerung in zwei Lager. Für die einen war ein weiteres Schulhaus für den St.Galler Stadtkreis Centrum unabdingbar, für die anderen war es eine «Geldverlochete».

Ein Blick in die Archive zeigt, dass um das Schulhaus Tschudiwies nach dem ersten verschiedene weitere Kämpfe ausgetragen wurden. Immer waren es die Quartierbewohner, die «ihr» Schulhaus gegen alle Schliessungs- und Umwandlungspläne hartnäckig verteidigten. Die ersten 64 Jahre mit Erfolg.

Ein Glarner in St.Gallen

Das Schulhaus am Bernegghang hat seinen Namen von Friedrich von Tschudi. Er war ein Glarner, der 1847 nach St.Gallen zog, um den Gutsbetrieb Melonenhof zu führen. Das Schicksal hatte andere Pläne für ihn: Von Tschudi wurde Regierungsrat und später auch Ständerat. Schule und Bildung waren ihm als Erziehungsdirektor ein Anliegen. Als Gelehrter und Schriftsteller brachte er das Buch «Tierleben der Alpenwelt» heraus, das grosse Beachtung fand und für das er in Fachkreisen bis heute ein Begriff ist. Das Mosaik mit den heimischen Tieren an der Wand des Schulhauses Tschudiwies ist den auch dem Schaffen von Friedrich von Tschudi gewidmet.

Der Melonenhof war bis 1935, als die jüngste Tochter von Tschudis starb, in Familienbesitz. Danach wurde ein Stück Land der Stadt verkauft, die Tschudi-Wiese. Bis darauf das Schulhaus zu stehen kam, sollte es noch einige Jahre dauern. Fast wäre das Projekt «Schulhaus Tschudiwies» an der Urne gescheitert. Mit nur 200 Stimmen Differenz wurde das damals teure Projekt angenommen, rund zwei Millionen hatte das komplette Schulhaus inklusive Turnhalle und Spielplatz schliesslich gekostet. Das Schulhaus bot Platz für die erste bis sechste Klasse sowie für drei Abschlussklassen. 1953 bezogen 320 Schüler das neue Schulhaus. Bis zu 40 Schüler wurden in einer Klasse zusammengefasst.

Weshalb der Quartierverein gegründet wurde

25 Jahre später musste sich das Quartier erneut für sein Schulhaus einsetzen. Die städtische Schulkommission entschied 1978, die Mittelstufe (4. bis 6. Klasse) ins Riethüsli zu verlegen und dafür mehr Oberstufenklassen im Tschudiwies zu unterrichten. Allerdings wurden weder Lehrer noch Eltern über diesen Schritt unterrichtet. Wie Gewitterwolken formierten sich die aufgebrachten Quartierbewohner und entluden ihren ganzen Unmut einem Sommergewitter gleich über den Köpfen der Behördemitglieder.

Die Randbereiche der Schulanlage Tschudiwies sind eine grüne Oase fürs Quartier und seine Kinder. Daran will die Stadt vorläufig auch nichts ändern. (Bild: Samuel Schalch - 19. August 2016)

Die Randbereiche der Schulanlage Tschudiwies sind eine grüne Oase fürs Quartier und seine Kinder. Daran will die Stadt vorläufig auch nichts ändern. (Bild: Samuel Schalch - 19. August 2016)

Dem Quartier werde das Schulhaus «gestohlen», heisst es in einem empörten Zeitungsbericht von damals. Nach etlichen Zeitungsberichten, Leserbriefen (ein gewisser Alfred Mallepell, heute Präsident des Quartiervereins Tschudiwies-Centrum, taucht bereits 1978 in den Leserbriefspalten auf) und Versammlungen ruderte die Schulbehörde zurück: Die Primarschüler durften alle auch weiterhin in ihrem Quartier zur Schule gehen. Die wehrhaften Quartierbewohner, beflügelt von ihrem Erfolg, entschlossen sich daraufhin, den Quartierverein Tschudiwies zu gründen. Um sich auch weiterhin für ihr Quartier und ihr Schulhaus einzusetzen.

Das Schulhaus sei immer ein ganz besonderes gewesen, erinnerte sich Alfred Mallepell, Präsident des Quartiervereins, im Sommer der Schulschliessung. Seine Buben seien gerne dort zur Schule gegangen. Zwischen Lehrern, Schülern und Eltern habe stets ein besonders gutes Einvernehmen geherrscht. «Meine Buben gingen, als sie bereits in der Oberstufe waren, ihren ehemaligen Klassenlehrern einen Besuch abstatten.

Die Versprechungen von damals

Keine Wunder also, war die Aufregung gross, als es 2010 keine erste Klasse mehr im Tschudiwies gab. Der Grund dafür seien zu wenige Schüler im entsprechenden Jahrgang gewesen, hiess es damals seitens Schulamt. Im Jahr darauf durften die «Erstgixe» aus dem Quartier wieder am Bernegghang zur Schule. Eine Schliessung sei nie zur Diskussion gestanden, äusserte sich das Schulamt 2011 gegenüber dem St.Galler Tagblatt. Das Schulamt halte an diesem Schulhaus fest. «Zumindest auf absehbare Zeit...»

Das Schulhaus Tschudiwies steht am Bernegghang unterhalb der Teufener Strasse am Ende der Melonenstrasse, die ihren Namen vom Melonenhof, dem ehemaligen Gutshof der Von Tschudis hat. (Bild: Reto Voneschen - 28. April 2015)

Das Schulhaus Tschudiwies steht am Bernegghang unterhalb der Teufener Strasse am Ende der Melonenstrasse, die ihren Namen vom Melonenhof, dem ehemaligen Gutshof der Von Tschudis hat. (Bild: Reto Voneschen - 28. April 2015)

Sechs Jahre später verloren die Quartierbewohner den letzten Kampf um ihr Schulhaus. Anfang Juli 2017 gingen (vorläufig?) die Primarschulinder letztmals im «Tschudiwies» ein und aus. Ob sich die Hoffnung des Quartiers je erfüllen wird, dass das alte Schulhaus nach einer Phase der Zwischennutzung wieder seinem alten Zweck zugeführt wird, steht derzeit in den Sternen. Hoffen ist aber nicht verboten.

Letzter Schultag im Schulhaus Tschudiwies vor den Sommerferien 2017: Auch das Skelett für den Biologie-Unterricht muss mit. (Bild: Urs Bucher - 7. Juli 2017)

Letzter Schultag im Schulhaus Tschudiwies vor den Sommerferien 2017: Auch das Skelett für den Biologie-Unterricht muss mit. (Bild: Urs Bucher - 7. Juli 2017)

Letzter Schultag im Schulhaus Tschudiwies vor den Sommerferien 2017: Leicht melancholischer Abschied von den Schülern und dem Schulzimmer. (Bild: Urs Bucher - 7. Juli 2017)

Letzter Schultag im Schulhaus Tschudiwies vor den Sommerferien 2017: Leicht melancholischer Abschied von den Schülern und dem Schulzimmer. (Bild: Urs Bucher - 7. Juli 2017)

Letzter Schultag im Schulhaus Tschudiwies vor den Sommerferien 2017: Aus und vorbei. Schulkinder neben zügelbereiten Paletten in einem Korridor ihres alten Schulhauses. Ab Herbst gehen sie im "St.Leonhard" zur Schule. (Bild: Urs Bucher - 7. Juli 2017)

Letzter Schultag im Schulhaus Tschudiwies vor den Sommerferien 2017: Aus und vorbei. Schulkinder neben zügelbereiten Paletten in einem Korridor ihres alten Schulhauses. Ab Herbst gehen sie im "St.Leonhard" zur Schule. (Bild: Urs Bucher - 7. Juli 2017)

Abschiedsfest im Schulhaus Tschudiwies: Bereits Mitte Juni 2017 feierten Schulkinder, Eltern und Quartier Abschied vom alten Schulhaus am Bernegghang. (Bild: Ralph Ribi - 16. Juni 2017)

Abschiedsfest im Schulhaus Tschudiwies: Bereits Mitte Juni 2017 feierten Schulkinder, Eltern und Quartier Abschied vom alten Schulhaus am Bernegghang. (Bild: Ralph Ribi - 16. Juni 2017)

Blick vom Spielplatz in die Schulanlage Tschudiwies: Links der Eingang in die Turnhalle, hinten die beiden Gebäude mit den Schulzimmern und dazwischen der Haupteingang. (Bild: Coralie Wenger - 15. November 2014)

Blick vom Spielplatz in die Schulanlage Tschudiwies: Links der Eingang in die Turnhalle, hinten die beiden Gebäude mit den Schulzimmern und dazwischen der Haupteingang. (Bild: Coralie Wenger - 15. November 2014)

Die Schulanlage Tschudiwies: Vorne die Spielwiese und der Hartplatz, links die Turnhalle und hinten die beiden Gebäude mit den Schulzimmern. (Bild: Coralie Wenger - 15. November 2014)

Die Schulanlage Tschudiwies: Vorne die Spielwiese und der Hartplatz, links die Turnhalle und hinten die beiden Gebäude mit den Schulzimmern. (Bild: Coralie Wenger - 15. November 2014)

Gedenktafel am Schulhaus Tschudiwies. Es ist nach dem Schriftsteller, Naturforscher und Staatsmann Friedrich von Tschudi benannt. Ihm und seiner Familie gehörte einst die Liegenschaft, auf der Anfang der 1950er-Jahre das Schulhaus gebaut wurde. (Bild: Reto Voneschen - 28. April 2015)

Gedenktafel am Schulhaus Tschudiwies. Es ist nach dem Schriftsteller, Naturforscher und Staatsmann Friedrich von Tschudi benannt. Ihm und seiner Familie gehörte einst die Liegenschaft, auf der Anfang der 1950er-Jahre das Schulhaus gebaut wurde. (Bild: Reto Voneschen - 28. April 2015)

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