Kälber aus dem Köfferli

Die künstliche Befruchtung von Nutztieren gehört zu Thomas Christens alltäglichen Aufgaben. Gestern berichtete der Tierarzt im Naturmuseum über die Vor- und Nachteile dieser Technik.

Andreina Thoma
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Tierarzt Thomas Christen zeigt den Behälter, in welchem die gefrorenen Samen aufbewahrt werden. (Bild: Hanspeter Schiess)

Tierarzt Thomas Christen zeigt den Behälter, in welchem die gefrorenen Samen aufbewahrt werden. (Bild: Hanspeter Schiess)

Kataloge gibt es für fast alles. Für Kleider, Möbel, Autos und auch Stiere. In Stierkatalogen sind aber nicht etwa Stiere abgebildet, wie der Name suggeriert, sondern die Jungtiere, die von den Stieren gezeugt werden können. Dabei können Eigenschaften wie zum Beispiel der Fettgehalt der Milch oder auch die Länge der Zitzen des Nachwuchses ausgesucht werden. Hat ein Landwirt die passenden Samen erst einmal gefunden, kommt ein Tierarzt oder ein Besamungstechniker, um die Kühe damit künstlich zu besamen. Einer davon ist Thomas Christen. Der 53-Jährige betreibt eine Gross- und Kleintierpraxis in Speicher. Seit 25 Jahren besamt er Nutztiere. Gestern erzählte er im Naturmuseum St. Gallen von seiner Tätigkeit.

Fingerspitzengefühl statt Kraft

Fünf- bis 20mal pro Woche rückt Christen aus, um Kühe künstlich zu besamen. Für ihn als Tierarzt ist dies eher eine Nebenbeschäftigung. «Neben der medizinischen Beratung ist das eine Dienstleistung, die wir den Landwirten bieten», sagt Christen. Der Name «Köfferli-Muni», wie manche einen Tierarzt oder Besamungstechniker nennen, störe ihn nicht: «Das ist ein altbekannter Begriff und für mich kein Problem.»

In speziellen Plastikröhrchen, sogenannten Pailletten, transportiert der Tierarzt die bei minus 180 Grad in flüssigem Stickstoff gefrorenen Samen zu den Bauernhöfen. «Im Stickstoff sind die Samen sehr lange haltbar», sagt Christen. Bis sie zum Einsatz kommen, lebe der Stier oft nicht mehr. Die Besamung von Kühen brauche mehr Fingerspitzengefühl, als Körperkraft, sagt Christen. Bei der mittels speziellem Katheter vorgenommenen Einführung der Samen durch die Scheide zur Gebärmutter der Kuh müsse rasch und hygienisch gearbeitet werden.

Kleinere Unfallgefahr

Die künstliche Besamung von Nutztieren ist heute schon längst keine Besonderheit mehr. «90 bis 95 Prozent der Besamungen werden künstlich vorgenommen», sagt Christen. Ein Vorteil für Landwirte sei, dass sie nicht mehr selbst Stiere im Stall halten müssten. Diese Tiere sind richtige Kraftpakete und die Arbeit mit ihnen kann aufwendig und gefährlich sein», sagt Christen. Die Unfallgefahr für Landwirte werde so geringer. Auch die Verletzungsgefahr für die Tiere sei kleiner. Hauptgründe für die künstliche Besamung seien aber andere: «Ziel ist es, übertragbare Krankheiten zu verhindern und die genetische Vielfalt zu fördern», sagt Christen. Die künstliche Besamung und die Möglichkeit, Eigenschaften gezielt auszuwählen, bringe aber auch Nachteile mit sich. «Obwohl die genetische Auswahl gross wäre, sind viele Landwirte vor allem auf die Leistung der Kühe ausgerichtet», sagt Christen. Viele wollen das ähnliche Genmaterial. «So geht die genetische Vielfalt bei Rindern verloren, das ist schade», sagt Christen. Grenzen bei dieser Entwicklung sieht er vor allem bei der Finanzierung: «Die Bereitschaft der Landwirte, für die Samen zu bezahlen, ist begrenzt.» So sind etwa Dosen, die nur weibliche Spermien enthalten, wesentlich teurer als andere.

Ausstellung im Naturmuseum

Thomas Christen sprach gestern im Naturmuseum St. Gallen im Rahmen der Sonderausstellung «Sexperten – Flotte Bienen und tolle Hechte», die noch bis 19. Oktober zu sehen ist. Die Ausstellung zeigt mit Tierpräparaten, Modellen und Filmen den Weg vom Vorspiel zur Paarung und schliesslich zum Schicksal der Nachkommen.

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