Jung und Alt verstehen sich

Im Rahmen eines Projekts zur Förderung des Generationendialogs interviewen Jugendliche Seniorinnen und Senioren zu ihrem Leben. Dies soll gegenseitiges Interesse wecken und sowohl die jüngere als auch die ältere Generation fördern.

Markus Stehle
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Ein Senior erzählt Jugendlichen, wie er seine Frau kennengelernt hat. (Bild: Markus Stehle)

Ein Senior erzählt Jugendlichen, wie er seine Frau kennengelernt hat. (Bild: Markus Stehle)

«Und Ihre Frau haben Sie in einer Gaststätte kennengelernt?», fragt die 21jährige Patricia Abt. Max Gmünder bejaht. «Es war Liebe auf den ersten Blick», fügt er lachend an. Der rüstige 82-Jährige sitzt mit Patricia Abt und Fabian Grass (16) an einem Tisch im Pflegeheim St. Otmar, redet mit den Jugendlichen, beantwortet ihre Fragen. Die beiden lauschen, lächeln, nicken, stellen Folgefragen. An einem Tisch nebenan unterhält sich Ruth Tobler mit der 17jährigen Aulona Sadiku über die heutigen Miniröcke, welche sie früher nie hätte tragen dürfen. Und über «Nielä», die sie als Jugendliche geraucht hat. «Mir wurde dermassen übel…!» erzählt die 81-Jährige und lacht.

Dialog der Generationen

Die Gespräche gehören zu einem Projekt zur Förderung des Generationendialogs in der Stadt St. Gallen. Initiiert worden ist es von Stefan Grob von der Complecta, Daniel Morf von ««rheinspringen» sowie den CVP-Stadtparlamentarierinnen Maria Huber und Susanne Gmünder. Übergeordnetes Ziel des Generationendialogs sei die Förderung des Austauschs zwischen Alt und Jung, erklärt Grob. «Es gibt immer mehr ältere und weniger junge Menschen.» Angesichts dieser Entwicklung sei es wichtig, einen generationenübergreifenden Dialog in Gang zu bringen und zu pflegen. Schon 2012 hat ein Generationenprojekt stattgefunden: In halbtägigen Workshops erklärten damals Jüngere den Älteren, wie Facebook funktioniert.

Am neuen Projekt ist neben «rheinspringen» und Complecta auch das Pflegeheim St. Otmar beteiligt. Zudem wird das Vorhaben vom städtischen Amt für Gesellschaftsfragen finanziell unterstützt. In vier Gesprächsrunden im Monat August befragen Jugendliche vier Seniorinnen und Senioren zu ihrem Leben. Zur Sprache kommen dabei Themen wie Kindheit, Jugend und Schule, Liebe und Beruf, Alter und Pensionierung. Aus den Interviews entstehen dann Porträts der Seniorinnen und Senioren. Sie werden in einem gebundenen Büchlein abgedruckt.

Kompetenz fördern

Rund ein Dutzend Jugendliche nehmen am Projekt teil. Sie stehen im sogenannten Motivationssemester: Einem Programm, das vom kantonalen Amt für Arbeit und Wirtschaft finanziert und von «rheinspringen» durchgeführt wird. Im Motivationssemester werden die Jugendlichen gemäss Daniel Morf im Bewerbungsprozess unterstützt oder erhalten Hilfe beim Organisieren von Praktika und Schnupperlehren. Auf dem Programm stehen zudem Mathematik, Deutsch und Englisch sowie musische Inhalte und Sport. Morf: «Es geht uns um ein umfassendes Kompetenztraining.» Dieses wird auch mit den Interviews bezweckt: «Die Jugendlichen sollen Erfahrungen sammeln. Sie sollen in Welten Einblick nehmen, die sie nicht kennen», erklärt Stefan Grob. Das stärke die Gesprächs- und Selbstkompetenz, verbessere das Auftreten.

Gegenseitige Bereicherung

Auch die Seniorinnen und Senioren sollen von der Aktion profitieren. Laut Roland Garoni, Leiter Pflege und Betreuung im Pflegeheim St. Otmar, wecken die Gespräche gegenseitiges Interesse. «Oftmals entdecken sich die Heimbewohner in den Jugendlichen selbst wieder. Und sie merken, dass sie viel erlebt und geleistet haben im Leben, wenn sie über dieses berichten.» In solchen Momenten würden die Seniorinnen und Senioren aufleben, was sehr schön sei. Das Projekt passe gut ins Jubiläumsjahr des Pflegeheims, freut sich Garoni. Am 7. September feiert es sein 40jähriges Bestehen mit einem Tag der offenen Tür, an dem das Büchlein mit den Porträts vorgestellt wird.

Beruf wählen, der Freude macht

Sowohl die jüngere als auch die ältere Generation findet Gefallen am Projekt. Aulona Sadiku etwa hat gemerkt, «dass die Senioren gar nicht so anders waren damals als wir heute». Auch Senior Max Stäuble findet das Projekt «sehr gut». Die Gespräche seien angenehm und sowohl er als auch die Jugendlichen hätten Freude an ihren Unterhaltungen. Und was will er der heutigen Jugend mit auf den Weg geben? «Sie sollen einen Beruf wählen, an dem sie Freude haben», sagt Stäuble überzeugt.