JUBILAR: Ein halbes Leben für Häggenschwil

Morgen wird Franz Rüdisüli 90. Mehr als 41 Jahre war er für die Gemeinde tätig. Er war Kantonsrat, Kantonsrichter und nicht zuletzt «Kaiser Franz von Häggenschwil».

Noemi Heule
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Von seinem Schaukelstuhl aus hat Franz Rüdisüli das Dorfgeschehen noch heute im Blick. (Bild: Benjamin Manser)

Von seinem Schaukelstuhl aus hat Franz Rüdisüli das Dorfgeschehen noch heute im Blick. (Bild: Benjamin Manser)

Noemi Heule

noemi.heule

@tagblatt.ch

Wenn Franz Rüdisüli in seiner Stube auf dem Schaukelstuhl sitzt, blickt er hinauf auf den Alpstein, der in der Ferne in den Himmel ragt. Und hinunter auf das Dorf Häggenschwil. Hinunter auch auf das Gemeindehaus. Jahrzehnte lang war es sein Zuhause und noch länger sein Lebensmittelpunkt. 41 Jahre und 5 Monate lang, wie er auf den Tag genau ausrechnet. So lange war er für die Gemeinde tätig. Einen Grossteil davon als höchster Häggenschwiler. «Kaiser Franz» sei er auch genannt worden. Mit einer Handbewegung tut er dies als Scherz ab, nicht ohne dass ein stolzes Lächeln seine Lippen streift. Rüdisüli war nicht der einzige mit diesem Übernamen.

Gleich drei Gemeindeammänner hörten damals auf den Namen Franz. Franz Würth leitete 34 Jahre lang die Geschicke von Mörschwil. Franz Wenk stand 30 Jahre der Gemeinde Waldkirch vor. Beide feierten kürzlich einen runden Geburtstag. Nun folgt mit Rüdisüli der dritte Franz im Bunde; er wird morgen 90 Jahre alt. Nach Häggenschwil kam Rüdisüli vor 66 Jahren. Dass er im Bauerndorf noch seinen Lebensabend verbringen wird, konnte er damals nicht ahnen.

Bauernsohn punktet im Bauerndorf

Rüdisüli wuchs als jüngstes von vier Kindern in Amden auf. Sein Vater führte einen Bauernbetrieb. Doch der junge Franz sollte nach Grösserem streben. Auf Wunsch des Dorfpfarrers wurde er aufs Gymnasium geschickt. Fünf Jahre verbrachte er in Fribourg und Einsiedeln. «Schweren Herzens» kehrte er dem Hörsaal nach fünf Jahren den Rücken. Er schloss eine kaufmännische Lehre ab und stieg in die Verwaltung ein. Zuerst in Mosnang, dann in Wil, bevor er in Häggenschwil 1951 seine Stelle fürs Leben antrat. Er war Gemeinderatsschreiber, Grundbuchverwalter, Steuersekretär, Gemeindekassier und Zivilstandsbeamter zugleich. Im Dorf wurde der Innerschweizer gut aufgenommen. Nicht etwa seiner Bildung wegen, sondern weil er Bauernsohn war. «Der kann noch melken», habe es anerkennend geheissen.

1960 wählten ihn die Häggenschwiler zum Gemeindeammann. Und bestätigten ihn alle vier Jahre, bis er 1992 seine Ämter niederlegte. Und das waren viele. Fein säuberlich hat er sie dokumentiert. «Ich habe viele Lebensläufe geschrieben. Nie ist es mir so schwer gefallen, wie bei meinem eigenen», sagt er. Rüdisüli gehörte 16 Jahre lang der CVP-Fraktion im Kantonsrat an. Daneben stand der Gemeindeammann zahlreichen lokalen und regionalen Vereinigungen vor. Tabellarisch hat der 90-Jährige alle Ämter festgehalten, mit der Schreibmaschine wie anno dazumal. Zwar steht in seinem Büro mit Blick auf den Bodensee neuerdings auch ein Computer. Im Gegensatz zur grauen Adler Universal 20, in die er fast täglich einen Papierbogen einspannt, ist er aber selten in Gebrauch.

Die Krönung seiner Laufbahn, wie er selbst schreibt, erreichte Rüdisüli, als er 1975 zum Kantonsrichter gewählt wurde. «Ich war das einzige Mitglied des Gerichtes ohne Doktortitel», sagt er. Noch heute erfülle es ihn mit Stolz, dass er «als Ammann einer kleinen Landgemeinde» Entscheide von Gemeinderäten, Steuerkommissären und Regierungsräten überprüfen durfte. Für das prestigeträchtige Amt opferte der vierfache Vater Abend für Abend dem Aktenstudium.

Ohnehin sagt er: «Meine Woche hatte nie nur fünf Tage.» Trotz aller Nebenämter habe Häggenschwil aber immer zuoberst auf der Prioritätenliste gestanden. Seine Handschrift lässt sich heute etwa in der Zonenplanung erkennen, die den Grundstein legte für die Bautätigkeit im Ort, auch wenn das Wachstum erst in den 1990er-Jahren einsetzte. Nicht erwähnt in seinen Annalen sind dagegen Geschäfte, die ihn während seiner Amtszeit am meisten forderten. «Schlimme Jahre», wie er sagt, als in den 1960er-Jahren an der Sitter ein Nacktbadezentrum eröffnet wurde, gegen das Gemeinde und Bürger mit allen Mitteln vorgingen. Oder als das Militär später auf demselben Stück Land einen Truppenübungsplatz errichtete. Rüdisüli stand damals als Vermittler zwischen den Fronten und musste die Interessen von Militär und Bürgern vereinen.

Das alles sei heute längst vergessen. Sein grösster Coup dagegen prägte das Ortsbild nachhaltig. «Mit viel Überzeugungskraft», wie er sagt, tauschte er eine Liegenschaft am Dorfrand gegen grüne Wiesen im heutigen Zentrum ein. Nur deshalb konnte dort überhaupt gebaut werden. Auch seine Dachwohnung, die nun über Dorf und Bodensee thront, steht auf diesem Flecken Land. Von dort aus schaut er hinunter auf das heutige Häggenschwil, das längst kein Bauerndorf mehr ist.