JUBILÄUMSMALEREI: Das goldene Gewand verschwindet

Goldene Textilmuster zieren seit über einem Jahr den Sitz der IHK St. Gallen-Appenzell an der Gallusstrasse. Bald verliert die Fassade ihre Verzierung: Im April wird sie übermalt. Das gefällt nicht allen.

Luca Ghiselli
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Die goldenen Textilmuster an der Fassade des IHK-Sitzes werden im April übermalt. (Bild: Ralph Ribi)

Die goldenen Textilmuster an der Fassade des IHK-Sitzes werden im April übermalt. (Bild: Ralph Ribi)

Luca Ghiselli

luca.ghiselli@tagblatt.ch

Das Haus zum Engelskopf an der Gallusstrasse 16 ist ein imposanter Bau an prominenter Lage. Das knapp 200 Jahre alte klassizistische Gebäude in Sichtweite der Klosteranlage gehört seit 1863 der Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell (IHK). Und diese hatte sich anlässlich ihres 550-Jahre-Jubiläums etwas Besonderes einfallen lassen: Der St. Galler Stoff-Designer Martin Leuthold hatte eine goldene Fassadenbemalung entworfen und angebracht, die ein Stickereimuster zeigt. Stadtparlamentarier ­Michael Hugentobler (CVP) hätte die Bemalung gerne länger als nur ein Jahr an der Fassade ge­sehen. Der Stadtrat schliesst das in der Antwort auf eine Einfache Anfrage Hugentoblers nun aus.

Das Gebäude habe «einen hohen denkmalpflegerischen Stellenwert», heisst es in der stadträtlichen Antwort. Es müsse deshalb, auch aufgrund der Bauordnung, in seinem ursprünglichen Erscheinungsbild erhalten bleiben. Zudem sei der Stickereientwurf von der IHK bewusst als «zeitlich befristetes Festgewand gewählt worden», heisst es in der Antwort weiter. Ab April werde die Fassade deshalb übermalt.

Botschaft der Textilstadt verstärken

Für Michael Hugentobler ist das Verschwinden der Fassadenbemalung ein Verlust und eine verpasste Chance. «Das Vorgehen zeigt, woran die Stadt krankt», sagt er. Wenn jemand gute Ideen habe, gebe es immer irgendein Reglement, das deren Umsetzung verhindere. «Dem wollte ich mit der Einfachen Anfrage vorbeugen.» Das sei nun zwar nicht gelungen – auch, weil die IHK die Bemalung von Anfang an als temporäre Aktion verstand. Nun hofft Hugentobler aber, dass sich eine andere Fassade finden lässt, die mit Textilmustern bemalt werden könnte. «Das würde die Botschaft von St. Gallen als Textilstadt zusätzlich verstärken», sagt er.

IHK-Direktor Kurt Weigelt ist indes nicht traurig, dass sich die Fassade bald wieder in ihrer klassizistischen Schlichtheit präsentiert. Es sei von Anfang an geplant gewesen, die Textilmuster nach dem Jubiläumsjahr wieder zu entfernen. «Die Bemalung war ein Festkleid. Und das Festkleid zieht man aus, wenn das Fest vorbei ist», sagt Weigelt. Bei der Malerei handle es sich um ein modisches Projekt, das auch nach Ansicht des Künstlers Martin Leuthold zeitlich befristet werden sollte. Hätte man eine permanente Fassadenbemalung anbringen wollen, wäre es nötig gewesen, mehr Rücksicht auf die architektonischen Eigenheiten des Gebäudes zu nehmen.

Fassade wird im April saniert

Dass die Jubiläumsmalerei im April weicht, hat aber auch praktische Gründe. «Wir mussten die Fensterläden abmontieren, damit die Bemalung zur Geltung kommt», erklärt Weigelt. Deshalb sei es im Sommer im Gebäudeinnern sehr warm geworden. «Das geht ein Jahr lang gut, aber nicht auf unbestimmte Zeit», sagt der IHK-Direktor. Schliesslich sei es so, dass die IHK ohnehin eine Aussensanierung ihres Geschäftssitzes im Frühling geplant habe. Bereits 2015 wurde das Innere des Gebäudes umfassend renoviert. Nun stehen weitere Arbeiten am Holzwerk und am Sandstein­sockel an. Im Zuge derer wird dann auch die Fassade wieder übermalt.