JUBILÄUM: Sein Lebenswerk wird 20

Jakob Grubenmann hat in der Brockenstube in Rorschach eine Modelleisenbahn. Seit 1997 ist sie auf die Grösse einer 2-Zimmer-Wohnung gewachsen. Für Grubenmann kein Grund, aufzuhören.

Alain Rutishauser
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Alain Rutishauser

alain.rutishauser@tagblatt.ch

Es riecht nach einer Mischung aus Rauch und altem Holz, nach vergangenen Tagen. Neben der 60 Quadratmeter grossen Modelllandschaft, versteckt hinter hellblauen Rollläden, die der winzigen Stadt als Himmel dienen, hat Jakob Grubenmann seine Werkstatt. Der Platz ist bis auf den letzten Zentimeter ausgereizt. Ein kleiner Weg führt um die ganze Anlage herum, in der letzten Kurve kommt nur durch, wer den Bauch kräftig einzieht und sich auf die Zehenspitzen stellt. Danach muss man sich gleich wieder bücken, damit man sich den Kopf nicht stösst. Schummriges Licht beleuchtet den Arbeitstisch mit Bohrmaschine und die Regale daneben, die bis zum Rand mit noch verpackten Zügen und Ersatzteilen gefüllt sind. Weiter hinten im Raum liegt eine alte Matratze. «Ich habe schon viele Nächte hier verbracht, habe getüftelt und dann halt irgendwann die Zeit vergessen», gibt Grubenmann schmunzelnd zu.

Tausende Stunden Arbeit am Lebenswerk

In der Modellstadt stecken rund 21 000 Stunden Aufwand, umgerechnet sind das fast zweieinhalb Jahre. Dazu gehört sowohl die Arbeit in der Brockenstube selbst als auch die Zeit an Börsen und in Geschäften, wenn Grubenmann neue Züge und Bausätze beschafft. Für die ganze Bahn brauche es fast acht Kilometer Kabel, mittlerweile habe er 41 Züge mit rund 680 Waggons. Die Hälfte der Wagen ist beleuchtet und mit winzigen Passagieren versehen, die den Ausblick durch die Zugfenster geniessen. «Am Anfang haben mir meine zwei Söhne beim Einrichten und Aufbauen geholfen», sagt Grubenmann. «Nun sind sie aber älter geworden, da hat man halt andere Inter­essen.» Der 62-jährige Frühpensionär hat aber noch immer das gleiche Hobby. «Man kann sagen, das hier ist mein Lebenswerk. Es gibt nichts Schöneres, als nach dem ‹Chrampfen› einer neuen Bahn zuzusehen, wie sie das erste Mal fährt», schwärmt Grubenmann. Schienen und Züge hätte er genug, um eine doppelt so grosse Anlage zu bauen, aber mehr Raum zu mieten sei noch zu teuer für ihn. «Vielleicht reisse ich das hier alles ab und baue von Grund auf wieder etwas Neues.»

Sein Interesse für Modelleisenbahnen gehe zurück bis in die 1960er-Jahre, als Grubenmann die vierte Klasse der Primarschule besuchte. Dann verfolgte er sein Hobby aber lange nicht mehr, bis seine beiden Söhne auf die Welt kamen und das Thema Eisenbahn wieder interessant wurde. «Wir hatten in unserem Keller eine grosse Anlage, waren an den Wochenenden immer am ‹Tüfteln›. Aber das war von den Dimensionen her nie vergleichbar mit dem hier», gibt Grubenmann stolz zu und schweift mit seiner Hand über die Modellstadt. Eine Besonderheit ist der kleine Jahrmarkt, der im Zen­trum der Stadt steht. Neben einem beleuchteten Riesenrad, einem Karussell und einer mehrstöckigen Geisterbahn hat der Jahrmarkt sogar eine Autoscooter-Anlage zu bieten, in der mehrere, winzig kleine Wagen gerade ihre Runden drehen. «Im echten Leben kommt der Jahrmarkt nur einmal in die Stadt, hier bleibt er das ganze Jahr», lacht Grubenmann.

Zwei Franken und die Stadt wird lebendig

Bis die Bahn bekannt wurde, verteilte Grubenmann in Restaurants und bei Freunden Visitenkarten. «Das war reine Mundwerbung. Man sprach unter- einander über mein Projekt, und bald kamen die ersten Leute vorbei.» Heute kommen Besucher von überall nur wegen der Modelleisenbahn in die Brockenstube in Rorschach und erwecken die Bahn mit einem Zweifränkler zum Leben. Kaum fällt die Münze in den Schlitz, beginnt das Riesenrad zu drehen, die Züge fahren los, die Stadt erwacht aus ihrer Starre. Nach einigen ­Momenten dimmt plötzlich das Licht, im Osten zieht das Abendrot auf, die Nacht bricht herein. Die beleuchteten Züge und der bunte Jahrmarkt flimmern munter im Dunklen weiter, bis langsam die Lichter wieder heller werden und die Dämmerung einsetzt. Das Rattern der kleinen Züge und das eifrige Klicken der analogen Technik, die noch von früher stammt, wirken fast therapeutisch. Nach rund acht Minuten kehrt Ruhe ein, die Züge verlangsamen und kommen zum Stehen. Das Riesenrad dreht noch seine letzten Runden, bevor die Stadt wieder in einen leblosen Zustand verfällt – bis der nächste Besucher einen Zweifränkler durch den Schlitz wirft.