JUBILÄUM: «Es braucht mehr Bauland»

Den HEV Region Gossau gibt es seit 100 Jahren. Die Ziele des Verbands sind seit jeher unverändert. Um das Grundeigentum zu fördern, müssen heute aber Einfamilien- durch Generationenhäuser ersetzt werden.

Nina Rudnicki
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Der HEV wird sich künftig für verdichtete und hochwertige Bauweisen in Gossau und Umgebung einsetzen. (Bild: Benjamin Manser)

Der HEV wird sich künftig für verdichtete und hochwertige Bauweisen in Gossau und Umgebung einsetzen. (Bild: Benjamin Manser)

Nina Rudnicki

redaktiongo@tagblatt.ch

Martin Looser, in zwei Dritteln der St. Galler Gemeinden gab es in den letzten Jahren mehr Zu- als Wegzüger. Gossau gehört nicht dazu. Woran liegt das?

In Gossau gibt es kaum mehr Bauland für neue Einfamilienhäuser. Die Bodenpreise sind dementsprechend hoch. Seit der Jahrtausendwende sind sie um rund 50 Prozent gestiegen. Die Preise für Eigentumswohnungen sind sogar noch stärker gestiegen. Da ziehen die jungen Familien natürlich weg und suchen sich in anderen Gemeinden Bauland. Viele Einfamilienhäuser in Gossau gehören älteren Menschen, die ihr Haus in den 1970er- und ‘80er-Jahren gebaut haben. Heute leben sie vielfach noch zu zweit in ihren Häusern, da die Kinder längst ausgezogen sind.

Was tut der HEV gegen diese Entwicklung?

Der HEV setzt sich seit Jahren für eine innere Verdichtung sowie Ausnutzung von Baureserven ein. Sobald das neue Planungs- und Baugesetz in Kraft tritt, werden wir uns für verdichtete und hochwertige Bauweisen in der Region Gossau einsetzen. Allerdings darf die Lebens- und Wohnqualität der Einwohnerinnen und Einwohner nicht eingeschränkt werden.

Ist das aus Sicht des HEV kein Widerspruch?

Nein, denn Verdichten bedeutet nicht zwingend, dass Grenz- oder Gebäudeabstände geringer werden, sondern dass vor allem das verfügbare Land genutzt wird. Es braucht mehr Bauland, daher müssen auch Entwicklungsreserven und Umnutzungen überprüft werden. Ältere Einfamilienhäuser könnten etwa zu Generationenhäusern ausgebaut oder durch Doppeleinfamilienhäuser ersetzt werden.

Welche Gebiete in Gossau sind planerisch und baulich aktuell interessant?

Uns beschäftigt aktuell die Frage, wann potenzielles Gewerbeland sinnvoll genutzt wird. Beispiele dafür sind die Sommerau und das ehemalige Areal der Hastag St. Gallen Beton AG im Westen Gossaus. Das Stadtparlament hat entschieden, das Vorverkaufsrecht für dieses Grundstück nicht auszuüben. Die Hastag hat nun mit der Coop-Genossenschaft einen Verkaufsvertrag abgeschlossen. Sommerau gehört der Migros. Dort braucht es wie im ­Gebiet Eichen eine auf den Individual- und öffentlichen Verkehr ausgerichtete Planung, die auch das lokale Gewerbe nicht vernachlässigt.

Der HEV Gossau feiert in diesem Jahr sein 100-Jahr-­Jubiläum. Wie hat sich die politische Arbeit des Verbands verändert?

Unser Ziel ist seit jeher unverändert: Der Schutz des Privateigentums und die Förderung der breiten Streuung von Grundeigentum. Was sich geändert hat, ist, dass diese Aufgabe immer anspruchsvoller wird. Die Raumplanung ist viel komplexer geworden. Bis 1972 gab es kaum Vorschriften, wo man bauen darf und wo nicht. Heute darf man bis zur Genehmigung des kantonalen Richtplans durch den Bund nur noch Bauland einzonen, wenn man gleichzeitig auszont.

Was ist nebst dem Raum­planungsgesetz historisch betrachtet die grösste Ver­änderung für den HEV?

In den 1950er-Jahren war der hohe Hypothekarzins das Thema. Heute ist genau das Gegenteil der Fall: Der hohe Eigenmietwert belastet Hauseigentümer, zumal angesichts tiefer Zinsen kein grosser Zinsabzug mehr möglich ist. Das wird auch die Herausforderung beim HEV sein. Wir setzen uns seit Jahrzehnten dafür ein, den Eigenmietwert abzuschaffen. Ausserdem müssen wir in den Städten und Dörfern sinnvolle Überbauungen für Familien realisieren, damit nicht alle Familien in andere Gemeinden oder andere Kantone mit verfügbarem oder günstigem Bauland flüchten.

Gegründet wegen leerer Wohnungen im Krieg

Der HEV Region Gossau zählt 1800 Mitglieder. Mitgliedsgemeinden sind nebst Gossau auch Gaiserwald, Andwil und Waldkirch. 2017 feiert der HEV Region Gossau sein 100-Jahr-Jubiläum. Gegründet wurde der Verband wegen des hohen Leerwohnungsbestandes während des Ersten Weltkrieges. Wegen der Mobilmachung mussten viele Wehrmänner ihre Wohnung aufgeben. Als eine der ersten Aktionen bot der Verband seinen Mitgliedern eine Mietzinsausfallversicherung an. Die 100. Hauptversammlung findet heute Montag um 18.30 Uhr im Fürstenlandsaal in Gossau statt. Am 10. Juni gibt es zudem noch einen Jubiläumsanlass für die ganze Familie im Walter-Zoo. (nar)