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JUBILÄUM: Auch im Wald gibt es Diktate

Seit 20 Jahren beschult der Verein Waldkinder St. Gallen verschiedene Altersstufen mit naturpädagogischen Methoden. Was zu Beginn als Pioniertat galt, ist heute etabliert. Trotzdem hat die Organisation auch heute noch mit Widerständen zu kämpfen.
Luca Ghiselli
Wandtafel im Gehölz: Die Waldkinder lernen in natürlicher Umgebung nach dem Lehrplan. (Bild: Beat Belser/PD)

Wandtafel im Gehölz: Die Waldkinder lernen in natürlicher Umgebung nach dem Lehrplan. (Bild: Beat Belser/PD)

Luca Ghiselli

luca.ghiselli@tagblatt.ch

An einem Ort, wo die Natur alle Spielzeuge macht, kann ein Tannzapfen vieles sein. Ein Wurfgegenstand, ein Sammelobjekt, oder ein Bastelutensil. Den kindlichen Fantasien sind im Wald keine Grenzen gesetzt. Darauf bauen die Waldkinder St.Gallen auf. Seit 20 Jahren bietet der Verein für verschiedene Altersklassen – von der Vorspielgruppe bis zur Basisstufe – verschiedene pädagogische Programme an.

Was 1998 als kleiner Zusammenschluss interessierter Eltern begann, entwickelte sich mit der Zeit zu einer festen Grösse im städtischen Bildungspanorama. Heute zählt der Trägerverein 400 Mitglieder, rund 110 Kinder besuchen die Angebote – und es werden immer mehr.

Der Grundgedanke blieb gleich

Um ihr 20-jähriges Bestehen zu feiern, laden die Waldkinder St. Gallen das ganze Jahr über zu verschiedenen Veranstaltungen. Den Anfang macht eine Fotoausstellung von Beat Belser in den Räumen des Architektur-Forums Ostschweiz an der Davidstrasse 42, die übermorgen Freitag eröffnet wird. «Der Grundgedanke ist heute noch der gleiche wie vor 20 Jahren», sagt Daniela Rempfler, Leiterin Kinderangebote der Waldkinder St.Gallen. Sie ist seit 2001 dabei, ihre drei Kinder besuchten den Waldkindergarten und die Waldschule. Diese dauert bis und mit zweiter Unterstufe, danach würden die allermeisten Waldkinder regulär in die öffentliche Schule wechseln. «Dort haben sie nicht mehr Mühe als andere Kinder auch», sagt sie. Denn trotz des alternativen Lernumfelds halte sich auch der Waldkindergarten an den kantonalen Lehrplan. «Auch im Wald gibt es Diktate.» Der Zugang sei aber anders als in der Volksschule. «Wir wollen die Kinder im Wald individuell lernen lassen», sagt Rempfler. Das heisst: Durch freies Spielen finden die Kinder zu Themen – und erschliessen diese mit Hilfe der Lehrperson. Ein Beispiel: Wenn sich zwei Kinder darüber streiten, wessen Schneehaufen höher ist, motiviert die Lehrerin die Kinder, mit einem Massstab nachzumessen. «Der Wald bietet alles, was Kinder in diesem Alter brauchen, um sich zu entwickeln», sagt Rempfler.

Dass der Verein so schnell gewachsen ist, sei nicht bewusst geschehen. «Es war vielmehr die grosse Nachfrage, die uns dazu bewog, das Angebot stetig auszuweiten.» Sie hätten Eltern nur ungern einen Platz für ihr Kind verweigert. Doch das kostet. Die erste Basisstufe, analog zur ersten Kindergartenstufe, kostet pro Kind und Monat zwischen 525 und 981 Franken. Die Beiträge werden dabei nach Einkommen der Eltern progressiv erhoben. Die Preise seien auch ein Grund dafür, dass die soziale Durchmischung noch nicht am gewünschten Punkt angelangt sei. Auch was die ethnische Vielfalt innerhalb der Gruppen angehe, habe man noch Luft nach oben.

Waldkinderkrippe ist geplant

Das Wachstum bringt auch finanzielle Herausforderungen mit sich. Der gemeinnützige Verein ist bald bei einer Million Franken Budget pro Jahr angelangt – rund ein Drittel davon wird durch naturpädagogische Weiterbildungen erwirtschaftet. Der Rest wird durch Elternbeiträge und Spenden finanziert. Die Stadt zahlt nichts, da sie Privatschulen finanziell nicht unterstützt. «Die Finanzen sind bei uns ein Dauerthema», sagt Rempfler.

Wo findet eine Waldschule noch ihren Platz in einem Schulsystem, in dem bald schon auf Kindergartenstufe mit iPads unterrichtet wird? «Es geht uns nicht darum, Kinder vor der Digitalisierung zu schützen», sagt Daniela Rempfler. Viel eher sei das Ziel, ihnen ausreichend Zeit zu geben, sich in einer gesunden Umgebung zu entwickeln. Das Angebot der Waldkinder soll weiter ausgebaut werden. Ab August bietet der Verein zusätzlich eine Waldkinderkrippe an. Im Gegensatz zu allen anderen Projekten des Vereins werden die Krippenplätze von der Stadt subventioniert.

www.waldkinder-sg.ch

Die Naturpädagogik kommt aus Skandinavien

Als 1998 der Waldkindergarten in St.Gallen eröffnet wurde, handelte es sich dabei um den ersten seiner Art in der Schweiz. Inzwischen hat das Modell Schule gemacht. Rund 20 solche Angebote existieren heute schweizweit.

Ihre Ursprünge hat die Naturpädagogik in Skandinavien. In Schweden entstand bereits Ende des 19. Jahrhunderts eine entsprechende Bewegung, die Kurse für alle Altersgruppen anbot. Daraus entstanden dann Mitte des 20. Jahrhunderts die ersten Kleinkindgruppen in Dänemark. 1954 hatte eine Mutter, die oft mit ihren Kindern Zeit im Wald verbrachte und dabei die Erfahrung machte, dass der Naturraum optimale Bedingungen für die kindliche Entwicklung bot, die Idee für einen Waldkindergarten. Mit den Nachbarn entstand eine Elterninitiative, die zur Gründung des ersten Waldkindergartens in Dänemark führte. Von dort aus schwappte die Bewegung erst nach Deutschland, wo 1968 in Wiesbaden der erste Waldkindergarten entstand, und später auch in die Schweiz über. (ghi)

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