Jetzt Zeit sammeln für später

ST.GALLEN. Das St. Galler Pionierprojekt Zeitvorsorge ist erfolgreich angelaufen. Selbst im Ausland ist man darauf aufmerksam geworden. Damit das Projekt wachsen kann, braucht es weitere Teilnehmer.

Elisabeth Reisp
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Einkaufen kann im hohen Alter eine grosse Herausforderung sein. Zeitvorsorger schaffen Abhilfe, denn sie begleiten Hochbetagte bei alltäglichen Dingen wie Einkaufen. (Symbolbild: ky/Martin Ruetschi)

Einkaufen kann im hohen Alter eine grosse Herausforderung sein. Zeitvorsorger schaffen Abhilfe, denn sie begleiten Hochbetagte bei alltäglichen Dingen wie Einkaufen. (Symbolbild: ky/Martin Ruetschi)

Wer jetzt hilft, dem wird später geholfen. So funktioniert die Zeitvorsorge. Pensionäre helfen Betagten, und für jede Stunde, die sie helfend zur Seite stehen, erhalten sie ihrerseits in Zukunft eine Stunde Hilfe. Seit letztem Sommer läuft das Pilotprojekt und zählt bereits 31 Leistungsbeziehende und 45 Zeitvorsorgende. Einige Punkte sind aber noch ausbaufähig.

Mit Hilfe zu Hause bleiben

«Wir nehmen den Betagten nicht die Arbeit ab, wir helfen. Das ist ein wichtiger Unterschied», sagt Priska Muggli, Geschäftsführerin der Stiftung Zeitvorsorge. «Wenn betagte Menschen sich noch selber bewegen müssen, bleiben sie länger fit, die Muskeln werden aktiviert, die Selbständigkeit ein Stück weit erhalten.»

In der Regel nehmen Helfer also nicht Arbeit ab, sondern bieten Hand, wo es nötig ist. Pflege hingegen übernehmen Profis, wie etwa die Spitex. Die Zeitvorsorge soll vor allem helfen, Betagte länger zu Hause wohnen zu lassen.

Interesse aus dem Ausland

Die geleistete Zeit wird eins zu eins verrechnet. Maximal können 750 Stunden gesammelt werden. Falls das Projekt scheitern sollte, leistet die Stadt Garantie und stellt entsprechende Leistungen sicher. Ein Scheitern ist jetzt, nach einem Dreivierteljahr nicht abzusehen – im Gegenteil. Das Projekt stösst schweizweit aber auch international auf Interesse. «Ich hatte schon Anfragen aus Bern, Basel und Berlin.» Denn die Gesellschaft überaltert in ganz Europa. Die Kosten für Hilfe und Pflege sind hoch. Mit dem nichtmonetären Modell der St. Galler Zeitvorsorge kann auch die Stadtkasse entlastet werden, welche Pflegedienste subventioniert.

Je mehr, desto besser

Das Projekt steckt noch in den Kinderschuhen, einige Punkte sind noch nicht zur vollen Zufriedenheit der Verantwortlichen geregelt. Da es derzeit auf die Stadt beschränkt ist, helfen im Rahmen des Projektes Städter anderen St. Gallern. Zieht ein Zeitvorsorger weg, erlischt sein Anspruch auf das Zeitguthaben. «Deshalb wäre es toll, wenn das Zeitvorsorgesystem auch in anderen Regionen Anklang finden würde», sagt Priska Muggli. Aber auch in St. Gallen soll das Projekt grösser werden, Muggli sucht immer neue Leute.

Autospesen werden unter den Beteiligten selbst geregelt. Wenn jemand kein Bezingeld für die Fahrt zum Einkaufsgeschäft will, muss der Leistungsbezieher nichts geben. Fährt aber aus Feriengründen mal ein anderer Dienstleister, müssen sich die Parteien erst wieder absprechen. Auch werden die Stunden derzeit auf Vertrauensbasis notiert. Der Zeitvorsorgende schreibt auf, der hochbetagte Leistungsbeziehende unterschreibt. Trotzdem ist die Anfangseuphorie spürbar. Kurt Bischof, einer der Zeitvorsorgenden, arbeitet seit etwa drei Monaten für das Projekt. «Mich fasziniert die Idee, dass für Zeit gearbeitet wird und nicht für Geld.» Ein Zeitvorsorger ist ein Begleiter. Dadurch entstünde auch ein ganz anderes Verhältnis zu den Leistungsbeziehenden.

Besonders freut Bischof auch das positive Feedback, das er von vielen Seiten bekommt, zum Beispiel von der Verkäuferin an der Kasse. «Dabei ist es für mich doch eine Ehre, jemandem zu helfen.»

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