Jetzt reden die Muslimas

Viele reden über den Schleier: Schulbehörden, Juristen, Politiker. Doch was sagen die betroffenen Frauen selbst? Der Donnerstagabend gab Gelegenheit, sie zu hören.

Josef Osterwalder
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Ahmadiyya Muslims als Gäste der Schleier-Diskussion: Sadaqat Ahmed, Imam aus Zürich (Mitte), Naeem Ullah, St. Gallen (links), und sein Sohn Abdul Wehab Ullah, Theologiestudent in London. (Bild: Ralph Ribi)

Ahmadiyya Muslims als Gäste der Schleier-Diskussion: Sadaqat Ahmed, Imam aus Zürich (Mitte), Naeem Ullah, St. Gallen (links), und sein Sohn Abdul Wehab Ullah, Theologiestudent in London. (Bild: Ralph Ribi)

Sie heissen Gurbet, Amtul Rafiq, Amina, Misba, Sumera, sie wohnen alle in der Region St. Gallen und alle fünf jungen Frauen bekennen sich zum Islam. Doch ihre Einstellung zum Kopftuch ist verschieden. Die eine hat kaum je einen Schleier getragen und will es auch in Zukunft so halten. Die vier andern haben ein Kopftuch umgebunden. Aber auch bei ihnen ist die Praxis unterschiedlich.

Während die einen das Tuch straff anliegend am Kopf tragen, so dass kein Haar mehr zu sehen ist, legen es andere in modisch lockerem Faltenwurf über das Haar.

Zur Diskussion über den Schleier hat die interreligiöse Gruppe Halden eingeladen. Zu einem Abend, bei dem die Betroffenen selber gehört werden sollen. Gut vertreten sind vor allem die Ahmadiyya Moslems, die seit Jahren in einem Raum der Kirche Halden ihr Freitagsgebet halten. Unter ihnen Sadaqat Ahmed, der Imam der Mahmud Moschee in Zürich.

Zwang oder Respekt?

Einleitend stellt Gurbet Gül ihre Diplomarbeit vor, die sie an der Fachmittelschule zum Thema Verschleierung verfasst hat. Sie sieht den Schleier als ein kulturelles Phänomen, das von der Religion übernommen wurde, im Koran aber nicht verpflichtend vorgeschrieben sei. Vielen Frauen werde das Tragen des Kopftuchs aufgenötigt.

Ganz anders sehen es ihre Altersgenossinnen Misba Kazmi, Amtul Rafiq und Amina Mahmood, Schülerinnen der Kanti St. Gallen. Das Kopftuch sei ein Zeichen, wie sehr der Islam die Frauen respektiere. Anders als im Westen müsse in der moslemischen Kultur eine Frau nicht mit ihren Reizen spielen. Der Schleier sei für sie ein Zeichen der Freiheit, sagt Amtul Rafiq Mahmood.

«Worin besteht denn das Bild einer <modernen Frau>?», fragt Misba Kazmi. Ob es einfach darin bestehe, von möglichst vielen Männern begehrt zu sein? «Geht es nicht viel mehr darum, sein Leben selber gestalten zu können? Die Rechte, die sie geniesst, machen die Frau <modern>.»

Die Meinungen gehen diametral auseinander. Auch darüber, ob der Koran den Schleier überhaupt verpflichtend vorschreibt.

Die Diskussion gibt den Anwesenden einen Einblick in die Art, wie eine solche Frage in moslemischer Tradition diskutiert wird. Gurbet Gül meint, dass eine eigentliche Vorschrift nicht bestehe und zitiert dazu die Sure 24,60. «Und für diejenigen Frauen, die alt geworden sind und nicht (mehr) darauf rechnen können, zu heiraten, ist es keine Sünde, wenn sie ihre Kleider ablegen, soweit sie sich (dabei) nicht mit Schmuck herausputzen . . .» Gurbet Gül sieht darin einen Beweis, dass es eben kein fixes Gebot gebe, den Schleier zu tragen.

Imam Sadaqat Ahmed aber argumentiert genau umgekehrt: Weil es im Koranvers heisse, für die alte Frau sei das Ablegen des Schleiers keine Sünde mehr, bedeute dies, dass es für die junge Frau eben eine Sünde sei.

Ein Lied vom Frieden

Ein unversöhnlicher Gegensatz? Vielleicht, wenn man an die Art denkt, wie im Westen Debatten geführt werden.

Doch bei dem von Arta Rrustemi moderierten Abend wird nicht nur debattiert. In seiner Mitte rezitiert Sumera Mahmood ihr Lied: «Islam will den Frieden.» Toleranz, Achtung, auch bei ganz unterschiedlichen Ansichten, der Abend zeigt, wie es geht.